Von Helmut Salzinger

Als Walter Matthias Diggelmann vor zwei Jahren seinen Roman „Die Hinterlassenschaft“ herausbrachte, hatte er durchweg eine ziemlich schlechte Presse. Besonders in der Schweiz. Diggelmann ist Schweizer, und schweizerische Zustände und Vorkommnisse waren es gewesen, die er kaum verschlüsselt dargestellt hatte. Und da, was beschrieben wurde, dem demokratischen Musterland nicht schmeichelte, lag der Vorwurf der Nestbeschmutzung in der Luft. Er äußerte sich allerdings manierlicher. Es wurden ästhetische Vorbehalte angemeldet. Man fand, daß die mit der „Hinterlassenschaft“ erhobenen politischen Anschuldigungen formal unbefriedigend vorgebracht worden waren. Diggelmann hatte es zu direkt gesagt.

Gerade deswegen dürfen wir jedoch unterstellen, daß er wußte, was er sagte, und daß er es auch genauso meinte, wie er es sagte. Die Beschriebenen sollten wiedererkannt werden. Und nicht bloß von ihnen selber. Der Einwand, deutsche Leser, über eidgenössische Affären kaum orientiert, bekämen die Pointen nicht mit, dürfte den Autor wenig kümmern. Für Diggelmann ist die Schweiz kein parabolisches Andorra, und so nimmt er das Handikap des Provinzialismus in Kauf.

Die Darstellung konkreter Ereignisse und konkreter Personen, eine Verschlüsselung, die weniger verhüllen als aufdecken möchte – sie gehören zu Diggelmanns Programm. Und das wäre ohne Politik, ohne die politische Verantwortung des Schriftstellers nicht zu denken. Das war bisher in all seinen Büchern so, und es gilt auch für das neueste –

Walter Matthias Diggelmann: „Freispruch für Isidor Ruge“, Roman; R. Piper & Co. Verlag, München; 316 S., 18,50 DM

in dem die innerschweizerischen Pikanterien allerdings mehr am Rande stehen. Sicherlich werden auch diesmal die Beteiligten wissen, was mit der Episode über den Werbeberater Amacher gemeint ist, der den angehenden Schriftsteller Ruge als Texter einkaufen will, aber ihm gleichzeitig nahelegt, dafür auf seine politische Kolumne in der Wochenzeitung zu verzichten. Dergleichen dürfte sich nicht bloß in der Schweiz ereignen. Daher gilt für diese Episode, was zwar nur von Ruges erstem Roman gesagt wird, was aber doch wohl zugleich auch als ironische Antwort Diggelmanns an seine Kritiker zu lesen ist: „‚es könnte in jedem Land vorkommen‘ (das ist wichtig in der Literatur, daß es in jedem Land vorkommen kann).“

Mag auch das Thema dieses neuen Romans, die Käuflichkeit des Geistes, nicht ein speziell schweizerisches Problem sein, Diggelmann demonstriert es wiederum an einem Material, das zum großen Teil seine Landsleute beigesteuert haben. Ruge, seit jener Episode zum erfolgreichen Drehbuchautor arriviert, ist inzwischen doch dem sacrificium intellectus verfallen, dem er damals noch widerstand: „Ich lüge. Ganz bewußt. Und lasse mich dafür bezahlen.“ So richtig zufrieden mit sich selber ist er allerdings nicht. Daher dient ihm ein von ihm verfaßtes, von dem Produzenten Pioda aber abgelehntes Drehbuch als Anlaß zum Bruch mit seinem Geldgeber. Es kommt zu einer grundsätzlichen Auseinandersetzung zwischen den beiden Männern (die fast zwei Drittel des Romans umfaßt). Ruge entwirft ein Bild von sich, seiner Herkunft, seiner Entwicklung, seinen ursprünglichen Plänen. Er rekonstruiert die Lebensgeschichte seines Kontrahenten, zeigt die Parallelen, die Verknüpfungen, ihre gegenseitigen Abhängigkeiten. Pioda ist nicht anders als Ruge selbst allmählich in den Mechanismus von Kaufen und Verkaufen geraten.