Hamburg

Max Brauer, von 1946 bis 1953 und von 1957 bis 1960 Hamburgs Erster Bürgermeister, wurde achtzig Jahre alt. Die Hansestadt ehrte seinen Ehrenbürger durch eine zweistündige Gratulationscour der Bürger im Bürgermeistersaal des Rathauses.

Die Wände des Saals zieren Porträts der geehrten Vorgänger Brauers. Über den pompösen, neobarocken Symbolfiguren des Kamins steht: „Wer den Besten seiner Zeit genug getan, der hat gelebt für alle Zeit.“ Vor dem Kamin, neben einem Tisch und einer Bank mit Geschenken, stand der Jubilar, gab seinen Gratulanten die Hand und ließ jeden sein Sprüchlein sagen.

Heine schrieb über Hamburg, seine Sitten seien englisch, sein Essen himmlisch. Die englischen Sitten bewiesen sich am Gratulationsvormittag: Obwohl Hunderte anwesend waren, herrschte wohltuende Stille im Saal. Man stand geduldig Schlange wie an Londoner Bushaltestellen. Freundlich, herzlich, ehrerbietig war die Stimmung. Wer es nicht wußte, konnte fühlen, daß Max Brauer für Hamburg eine politische Vatergestalt ist, das was für Bremen der Altbürgermeister Kaisen ist.

Zu solcher Figur gehört in Hansestädten Tradition und Unbeirrbarkeit. Als er sechzehn Jahre alt war und Glasbläserlehrling, wurde Brauer Mitglied der SPD. Und als der rote Faden, der sich durch sein Leben zieht, rosa wurde, als 1953 so etwas wie eine Große Koalition, hier Hamburg-Block genannt, an die Regierung kam, schied Brauer aus. Er wurde 1957 wieder Hamburgs Erster Bürgermeister und gab die Geschäfte im Januar 1961 an seinen Parteifreund Paul Nevermann ab. Damals bedachte man ihn mit den einem verdienten Bürger zukommenden Gaben: Ehrenbürger, Ehrendoktor, Ehrensenator. Brauer aber war gewillt, noch weiter für Hamburg und die SPD zu arbeiten. Die Stadt schickte ihn als Spitzenkandidaten in den Bundestag. Vier Jahre später unterlag er, Kandidat um den zehnten Platz der Landesliste, einem Jüngeren.

Diszipliniert in der Schlange der Gratulanten standen auch die Inhaber hoher Ämter der Stadt. Es fiel nicht auf, daß der Polizeipräsident sein Sprüchlein auf Plattdeutsch hersagte. Die Hamburger waren unter sich. Ruth Herrmann