Sehr sehenswert:

Tätowierung“, von Johannes Schaaf. Die Geschichte eines Fürsorgezöglings, der aus dem Regen in die Traufe kommt: aus der Anstalt zu fürsorglichen Pflegeeltern. Über sie hat Johannes Schaaf in einem Interview gesagt: „Jede einzelne Verhaltensweise der Pflegeeltern ist durchaus positiv. Wenn der Vater dem Jungen beispielsweise ein Moped kauft und dazu bemerkt, er müsse es in kleinen Raten abbezahlen, damit er merke, was Besitz sei, so steht dahinter eine durchaus sympathische pädagogische Absicht. Erst die Summierung von hundert pädagogischen Ratschlägen, die Unfähigkeit zu der Einsicht, daß der Junge sich an einem Punkt befindet, an dem er gar nicht mehr imstande ist, auf pädagogische Maßnahmen zu reagieren, die Tatsache, daß die Alten ein Spiel weiterspielen, aus dem der Junge bereits ausgestiegen ist – dies alles erst macht das Versagen der Alten, der Gesellschaft gegenüber dem Jungen aus.“

Nächste Woche im Fernsehen:

„The Connection“, von Shirley Clarke. Das Bühnenstück des amerikanischen Autors Jack Gelber in einer angemessenen Verfilmung. In eine Versammlung von Heroin-Süchtigen haben sich ein Filmregisseur und ein Kameramann Eingang verschafft. Sie filmen mit zwei Kameras die Gesellschaft, geraten dabei in Diskussionen über ihr Unternehmen und brechen schließlich die Aufnahmen ab. Der Film gibt vor, das Ergebnis der Dreharbeiten zu sein, die er zum Gegenstand hat, aber natürlich simuliert er diesen Dokumentarismus nur. Das Fernsehen zeigt den Film, eines der wichtigsten Werke des amerikanischen Off Hollywood Cinema, dankenswerterweise im Original. (I. Programm, 11. September, 22.45 Uhr)

Sehenswert:

„Hexen von heute“, von Luchino Visconti, Mauro Bolognini, Pier Paolo Pasolini, Franco Rossi und Vittorio de Sica. Fünf Kurzfilme, zusammengehalten durch nichts als die Hauptdarstellerin Silvana Mangano. Viscontis Satire auf die Dekadenz der High Society ist in ihrer grotesken Vulgarität fast amüsant. Bolognini erzählt einen Witz mit mäßiger Pointe. Es folgt Pasolinis „Die Erde, vom Mond aus gesehen“, eine Slapstick-Fabel über einen Witwer, seinen Sohn, eine Taubstumme und ihre Suche nach dem Glück – dieses Stück allein empfiehlt die Besichtigung des Films. Rossis Parodie auf die Sizilienfilme ist kurz genug, um im Hinausgehen erfaßt zu werden; bei Beginn der Episode de Sicas sollte man unbedingt den Ausgang erreicht haben.

Ferner läuft: