Von Redakteuren der ZEIT

Wer feierlich ist, ist auch feierbar. Der Chefredakteurder ZEIT ist ganz unfeierlich. Hat er sich doch unlängst und gegen den Rat wohlmeinender Kollegen nicht gescheut, eine breitere Öffentlichkeit wissen zu lassen, daß diese Zeitung nunmehr von einem Vorbestraften geleitet wird (zwei Wochen Gefängnis wegen Trunkenheit am Steuer).

Josef Müller-Marein, geboren im Bergischen Land, aufgewachsen in Köln, groß geworden in Berlin, Wahl-Hamburger, ansässig in Stöckte am Deich und, wenn immer er kann, im Tal der Loire, wird am 12. September sechzig Jahre alt.

In Berlin war Josef Müller-Marein in den Jahren vor dem Kriege das, was man heute wohl einen Star- oder Chefreporter nennt. Er fuhr einen feuerroten Rennwagen mit aufheulendem Kompressor. Scheinbar so weit voneinander entfernte Bereiche wie die Fliegerei, die Musik und das Theater hielten ihn in ihrem Bann.

Er war schnell in der schnellebenden Stadt Berlin, er liebte die Stimulanz der schnellen Arbeit, und er war bekannt dafür, daß er noch nach Redaktionsschluß über aktuelle Ereignisse aus dem Stegreif druckfertige Berichte durchs Telephon „pustete“. In seinem Paß stand „erlernter Beruf: Kapellmeister“ – er stammt aus einer alten rheinischen Musikerfamilie.

Als es immer gefährlicher wurde, für die Freiheit offen einzutreten, lernte er, zwischen den Zeilen für sie zu kämpfen.

Er lebte immer mehr aus der Phantasie als aus dem kalt rechnenden Verstand. Eine glühende Seele, aber als ein halber Gallier – seiner Herkunft nach – mit dem klaren Gefühl für Proportionen.