Als der Berliner Altgermanist Professor Dr. Peter Wapnewski vor zwei Wochen dafür plädierte, seinem Fach Rang und Würde zurückzugewinnen, indem man es aus der Rolle eines Zubringersfür Deutsch-Lehrer erlöst, konnten ihn auch die präzisesten Formulierungen nicht davor bewahren, mißverstanden zu werden.

Es ist grotesk, und kein Schreiber in anderen Ländern hat ganz so viel Kummer mit dem Schwarz und dem Weiß und dem Rot. Hierzulande gibt sich einer alle nur erdenkliche Mühe, den Farbnuancierungen einer Sache so weit nachzugehen, wie es im beschränkten Rahmen eines Zeitungsartikels (oder gar einer „Glosse“) nur möglich ist, das Grün zu zeigen und das Rot und das Gelb: Immer wird er dabei mit ein paar Lesern zusammenstoßen, die sehen nur rot.

Schreibt einer – um als Beispiel das seit langem schon und noch immer unfehlbarste Rotsehthema zu wählen. – es gebe Kraftfahrer, die auch nach Genuß von drei Glas Whisky ihr Auto sicherer steuerten als manche andere, die außer völliger Nüchternheit keine nennenswerten Fahrer-Qualitäten aufzuweisen haben, dann ist es nicht schwer, das Echo der Rotseher vorauszusagen: „Mörder!“, hallt es, „15 000 Tote jährlich im Verkehrsgemetzel sind Ihnen wohl noch nicht genug?“ – Was kann man da machen?

Gar nichts konnte Peter Wapnewski machen dagegen, daß die Rotseher ihm unterstellen mußten, er unterschätze doch wohl aufs bedauerlichste die Bildungswerte der deutschen Sprachgeschichte sowie den Erlebnisreichtum, den unsere ältesten Literatur-Denkmäler vermitteln können.

Und dies einem Mann, der ja vielleicht nicht zufällig Hochschullehrer für Altgermanistik geworden ist! Aber bis zu einer solchen Überlegung kommen die Rotseher nur selten.

Leider ist, im Gegensatz zum Dichterwort, die Welt weit, und das Gehirn ist eng, ist nur beschränkt aufnahmefähig. Die Beschäftigung mit Gotisch, Altnordisch, Althochdeutsch und Mittelhochdeutsch muß daher auf Kosten der Beschäftigung mit anderen Dingen, beispielsweise mit Englisch oder mit Latein oder mit den jüngeren romanischen Sprachen und Literaturen, gehen, die für das Verständnis neuerer deutscher Literatur nicht weniger wichtig – und sehr oft wichtiger – sind. In diesem Zusammenhang scheint uns die Frage interessant, wie man denn etwa in Frankreich heute Deutsch studiert. Wie das Deutsch-Studium dort nach den jüngsten Reformen aussieht, schildert der Mann, der mehr als jeder einzelne andere dazu beigetragen hat, diese Reformen durchzusetzen: Pierre Bertaux, der Germanist der Pariser Sorbonne.

Freilich ist dabei zu berücksichtigen, daß für die Franzosen (die nicht gerade, wie übrigens viele französische Germanisten, Elsässer oder Lothringer sind) Deutsch eine Fremdsprache ist. Dadurch wird das französische Musterbeispiel (es erscheint mir in der Tat als mustergültig und beispielhaft) vor allem auch für unsere Anglisten und Romanisten interessant. Es ist ja noch nicht so lange her, daß es bei uns als guter akademischer Stil galt, wenn ein Englisch-Professor ein phonetisch schauderhaftes Englisch sprach.

Rudolf Walter Leonhardt