Von Klaus Budzinski

Nach der Umstellung auf den Rechtsverkehr erkennen die Schweden ihre Städte nicht wieder. Es blitzt und blinkt im schwedische! Straßenverkehr wie in einem Spielzeugladen: Neue Verkehrszeichen grüßen von rechts, neu: Busse, spiegelglatt in rotem Lack gehalten, verkörpern das Herbstmodell mit Rechtseinstieg und an allen Autos funkelt als Neueinführung der Außenrückspiegel – der natürlich links. Nicht weniger spielzeugfroh probierte man seit eine: halben Woche „Rechtsverkehr“.

Und siehe, es geht. Es geht sogar überraschend gut. Und wer sich darüber wundert, wie vielleicht die 250 ausländischen Presseleute, die sich auf ein Blutbad auf Schwedens Straßen eingerichtet hatten, dem brauchen die schwedischen Rechtsverkehrsstrategen nur entgegenzuhalten, daß die Versicherungsgesellschaften ihre Prämien nicht erhöht – freilich auch nicht gesenkt haben. Ambulanzen und Abschleppwagen fuhren am „Tage H“ (H = Höger – rechts) umher wie bestellt und nicht abgerufen. Die Unfallrate lag weit unter der für vergleichbare Spätsommersonntage des vorigen Jahres ermittelten, obwohl ein Verkehr herrschte wie sons: nur vor Weihnachten. Die einzigen Unregelmäßigkeiten mit steigender Tendenz waren die Fahrraddiebstähle am Samstag, dem 2. September, vor der Umstellung des Verkehrs, als in den Großstädten der gesamte private Kraftverkehr um zehn Uhr vormittags gestoppt wurde So viele Fahrräder hatte Schweden seit der Benzinrationierung in den vierziger Jahren nicht mehr gesehen. Das Rad bereitete vielen Stockholmern und Göteborgern denn auch ein doppeltes Wochenendvergnügen: Einmal die ungewohnte Verkehrsruhe, zum anderen den Genuß, nicht nur anderen Leuten bei der Arbeit zuschauen zu können, sondern obendrein mitanzusehen, wie eine neue Ära aus dem Asphalt stieg. Dabei war der Neu- und Umbau von Verkehrszeichen und die Neubemalung der Fahrbahnen nur der öffentlich sichtbare Teil der gewaltigen Spiegelverkehrung des schwedischen Lebens. Auch intern wurde umgepolt: Die Drehtüren in den Warenhäusern ebenso wie die Fließbänder in den Industriebetrieben. Nur Untergrund- und Eisenbahnen fahren weiterhin links. Ein Verkehr, der unter sich bleibt, stört nicht weiter.

Schwedens Kampagne mit dem Stichwort „Höger“, mit einem monatelangen Trommelfeuer aus sämtlichen Publikationsrohren eröffnet, teilte sich dem Anreisenden bereits auf der Fähre von Puttgarden nach Dänemark mit. Vorausabteilungen verteilten gedruckte Verhaltensanweisungen. In Hälsingborg gaben die schwedischen Grenzbeamten Geschwindigkeitshinweisen den Vorzug vor Paß- und Gepäckkontrollen. Unterwegs begegnete man als vorübergehend dispensierter Rechtsfahrer gemischten Blicken, die sich nicht recht entscheiden zu können schienen, ob sie noch Mitleid oder schon Neid empfinden sollten.

In Stockholm endlich hatten die Reichstagsabgeordneten das Parlament geräumt, um der internationalen Presse das Nest zu bereiten. Diese, verhohlen gierig auf kleine und womöglich größere Sensationen, sah sich täglich dreimal im Sitzungssaal den detaillierten Auskünften der Verkehrsexperten, der Militär- und Polizeiorgane konfrontiert, die noch das kleinste Detail mitteilten, bis hin zur Angabe, wie hoch sich der Elektrizitätsverbrauch während der Verkehrsstille des 2. September gesteigert hatte.

In Stockholm begann der „Tag H“ bereits mit dem Vortag. Noch vor der allgemeinen Verkehrsruhe, die bis Sonntag 15 Uhr dauerte, schob sich eine der Nebenerscheinungen ins Bild, die als Abfallprodukt der Rechtsumstellung dem Verkehr generell zugute kommt. Im Nordosten der Stadt wurde eine drei Kilometer lange neue U-Bahn-Strecke eingeweiht. Ein Anlaß, offenbar so wichtig, daß König Gustaf Adolf daran teilnahm, der sonst in diesen Tagen kaum in Erscheinung trat. Quer über dem Bahnsteig saßen Honoratioren. Vorn in der Mitte, gegenüber einem Rednerpult in Form eines Triebwagenbugs, der König. Links und rechts warteten die Züge auf die Jungfernfahrt. Der Oberbürgermeister flocht ein paar Scherzchen in seine Rede, der Monarch lachte ein bißchen. Er nahm sich aus wie ein Gelehrter, den man unnötigerweise vom Studiertisch zu einer Nichtigkeit gezerrt hat und der doch willig mitspielt. Dann drückte man ihm eine ungefüge Gartenschere in die Hand, mit der er vor Film-, Photo- und Fernsehkameras das gelb-blaue Band durchschnitt. Eine hellblau uniformierte Kapelle der Verkehrsgesellschaft spielte flotte Weisen, während Gustaf Adolf tastend das ungewohnte U-Bahn-Element betrat und im Führerhäuschen Platz nahm.

Von den Verkehrsstrategen wurde sogar Fröhlichkeit bewußt ins Programm der heiklen Nacht mit aufgenommen. Um die Leute von den Straßen zu bringen, setzte das schwedische Fernsehen eine bombastische Unterhaltungsschau mit dem beliebten Fernsehstar Lennart Hyland ins Bild, der allein erfahrungsgemäß sechzig Prozent der Fernsehzuschauer vor die Schirme lockt; was sonst noch Glanz und Namen hat, fügte man dazu, und so konnten zwischen halb acht und ein Uhr früh siebenundsechzig Prozent der Bevölkerung davon abgehalten werden, die letzten Umbauarbeiten zu behindern. Als aber am dämmernden Morgen die Stunde H schlug, das heißt schon um halb fünf Uhr in der Frühe des einschneidenden Sonntags, glich die Kungsgatan, Stockholms Geschäftsboulevard, der Münchner Kaufingerstraße am Rosenmontag. Gemäß Plan hatten um 4.50 Uhr sämtliche auf der linken Straßenseite fahrenden Wagen zu halten und während der folgenden zehn Minuten ihr Gefährt „vorsichtig an den rechten Straßenrand zu bringen“. Auf beiden Straßenseiten fanden sich Personenwagen, Taxis und Busse Bug an Heck und Bug an Bug verkeilt, von der jeweilig anderen Straßenseite hoffnungslos getrennt durch andere Wagen, die gerade hatten überholen wollen. In Taxis, auf Rädern und zu Fuß faschingsfrohe junge Leute dazwischen, die jeden Überwechslungsversuch mit Hochrufen und Fahrradklingeln und Scherztrompeten begrüßten. Bald aber floß der Verkehr, als ob er niemals – links gelaufen wäre. Sogar den Pferden auf dem Lande war, nach Aussagen ihrer Kutscher, das alte Linksdenken erfolgreich aus den Hirnen gewaschen worden.