Von Wolfgang Leonhard

Vor wenigen Tagen hat das sowjetische Zentralkomitee einen Beschluß veröffentlicht, der den gespreizten Titel trägt: „Maßnahmen zur Weiterentwicklung der Gesellschaftswissenschaften und zur Erhöhung ihrer Rolle beim kommunistischen Aufbau.“ Zum erstenmal seit Stalins Tod geht es dem Kreml darum, stärker als je zuvor, die ideologische Arbeit zu verstärken. Gewiß: Schon vor mehr als sieben Jahren, im Januar 1960, war ein ähnlicher Beschluß verkündet worden; damals aber standen Fragen der Massenpropaganda im Vordergrund. Diesmal jedoch geht es um mehr, um die ideologische Arbeit in allen Bereichen und auf allen Ebenen. Die detaillierten Anweisungen umfassen eine volle Seite der „Prawda“, und in einem anschließenden Leitartikel werden alle Parteiorganisationen des Landes (gegenwärtig 340 000) aufgerufen, den Ideologiebeschluß zum Kernstück ihrer Arbeit zu machen. Die Sorgen der Kreml-Führung über die Lage an der „ideologischen Front“ sind nicht zu übersehen.

Dabei scheinen auf den ersten Blick diese Sorgen kaum verständlich. In den letzten Jahren wurden in der Sowjetunion der ideologische Apparat und die ideologische Schulung bedeutend verstärkt, auch wuchs die Zahl der ideologischen Publikationen beträchtlich. Ausgebaut wurde vor allem das Schulungssystem im Rahmen des „Parteilehrjahres“. Sein Ziel besteht darin, eine möglichst große Zahl von Sowjetbürgern (keineswegs nur Parteimitglieder) mit den Grundthesen des Marxismus-Leninismus vertraut zu machen.

Dafür sind drei Stufen vorgesehen. In der untersten Stufe (240 000 Schulungszirkel tagen einmal pro Woche) erfolgt dieser Unterricht nach Abc-Manier; durchgekaut wird dabei das Lehrbuch „Grundlagen des politischen Wissens“, das in seiner Primitivität alle anderen ideologischen Schriften übertrifft. In der mittleren Stufe (130 000 Schulungszirkel) werden die einzelnen Bestandteile der Sowjetideologie – der dialektische und historische Materialismus, die politische Ökonomie und die politische Theorie – schon etwas gründlicher behandelt. Noch differenzierter ist die „Oberstufe“ (300 Abenduniversitäten und 1600 Seminare) für Parteiaktivisten.

Insgesamt haben im vergangenen Jahr an den drei Stufen dieses Parteilehrgangs 13,5 Millionen Sowjetbürger teilgenommen. Selbst wenn viele Zirkel und Seminare nur auf dem Papier existieren, eins ist unverkennbar: Die ideologische Schulung ist in den letzten Jahren eher erweitert als verkleinert worden.

Dies gilt auch für den ideologischen Unterricht an den Schulen, Hochschulen und Universitäten. Neben dem bereits traditionell gewordenen Unterricht in „Verfassung der UdSSR“ ist vor einigen Jahren im 7. Schuljahr (für 15jährige) das Fach „Gesellschaftskunde“ eingeführt worden. In dem Unterricht werden die wichtigsten Grundthesen des Marxismus-Leninismus erklärt. Die Kontrollfragen für dieses Fach heißen beispielsweise: „Was ist Materie?“, „Worin drückt sich die Einheit von Materie und-Bewegung aus?“ „Was ist ein Gesetz, worin bestehen die Besonderheiten der Gesetze der Dialektik?“, „Warum ist der Kapitalismus ein sterbender Kapitalismus?“.

Noch intensiver müssen sich die Studenten mit der Ideologie befassen. „Marxismus-Leninismus“ ist für sie ein Pflichtfach, gleich auf welcher Fakultät sie studieren. Die Gesamtstundenzahl für das Studium des Marxismus-Leninismus beträgt 430 Stunden innerhalb von vier Jahren, das sind etwa drei Stunden pro Woche.