Von Walter F. Kleffel

Mit Donner und Blitz, der sogar bei der Morgenarbeit ein Pferd erschlug, begann diesmal die große Rennwoche von Baden-Baden, nun schon seit 109 Jahren immer wieder der glanzvolle Höhepunkt des deutschen Vollblutsports. Für den ersten Tag, den man aus Courtoisie gegenüber dem Union-Klub zur Feier seines 100. Geburtstages dem Meeting vorgeschaltet hatte, zeichneten wieder einmal die alten Getreuen des einstigen Herrschers über die deutsche Zucht und die deutschen Rennen verantwortlich. Sicherlich konnte ihnen kein besseres Geschenk gemacht und keine größere Freude bereitet werden, als daß der wertvolle Union-Klub-Pokal von einem Pferde (Freifrau v. Stengels vierjährigem braunen Hengst Gin) gewonnen wurde, das im neuen Union-Gestüt Merten geboren und dort aufgezogen wurde.

Danach übernahm dann der Internationale Club als der Hausherr von Iffezheim die Regie, und gewiß wird er nach dem überraschenden Erfolg des neu in das Programm aufgenommenen Renntages auch in Zukunft seine „Woche“ über sechs Tage laufen lassen. Er wird sich um so leichter dazu entschließen können, als die Veranstaltung dieses Jahres in finanzieller Hinsicht alle ihre Vorgängerinnen übertroffen hat. Weit über sechs Millionen Mark wurden am Totalisator umgesetzt (in Hamburg während der Derby-Woche waren es bescheidene 1,6 Millionen), von denen 16 Prozent in die Kasse des Clubs fließen. Und da man auch in sportlicher Hinsicht durchaus zufrieden sein durfte, strahlten beim Abschied alle Gesichter.

Das wertvollste Rennen, den Großen Preis zu Baden-Baden – 1858 gegründet und mit 150 000 Mark ausgestattet – holte sich zum vierten Male der englische Stall Oldham, dessen Hengst Salvo den bislang in fünf Rennen ungeschlagenen deutschen Derby-Sieger 1967, Luciano, nach einem großen Rennen in einem erregenden Endkampf knapp, aber schließlich doch sicher niederrang. Da der im belgischen Besitz befindliche Luciano in England geboren ist, kam es also hier zu einem Doppelerfolg der englischen Zucht. Selbst Lucianos deutscher Trainer, Sven v. Mitzlaff, der Herrenreiter-Champion der Jahre 1937 bis 1939 und selbst einmal ein stolzer Sieger auf dem Rasen von Iffezheim, wird zugeben müssen, daß tatsächlich das bessere Pferd gewonnen hat, gegen den sich aber sein Schützling hervorragend und tapfer geschlagen hat. Dafür mußten die Engländer jedoch in dem Zukunfts-Rennen, seit 1859 Deutschlands bedeutendste Zweijährigen-Prüfung, eine unerwartete und bittere Niederlage ihres heißen Favoriten Zar Alexander hinnehmen, der das Nachsehen gegen den Röttgener Gluck hatte. Und in dem dritten großen Rennen, dem Fürstenberg-Memorial (Gründungsjahr 1880), konnte der Hamburger Stall Atlas mit seinem Hengst Bussard triumphieren.

Zu den „uralten“ Rennen gehört auch das Alte Badener Jagdrennen, das 1861 zum ersten Male gelaufen wurde, bis 1939 eines unserer besten Herrenreiten war und durch seinen interessanten Kurs immer wieder zu gefallen weiß. Auch in diesem Jahre wurden die Zuschauer nicht enttäuscht, Sieger blieb das Münchener Pferd X-Strahl, was nicht alle erwartet hatten.

Um diese Rennen schließt sich nun in jedem Jahre ein Kranz weiterer Prüfungen mit großen Namen: Goldene Peitsche, Damen-Preis, Badener Meile, Sachsen-Weimar-Preis, Preis des Casinos und andere mehr, die den Siegern immer wieder Ehre und schönes Geld einbringen, was schließlich auch nicht zu verachten ist.

Kein deutscher Rennplatz, der Iffezheim, etwa sieben Kilometer von dem Weltbad entfernt im lieblichen Tal der Oos gelegen, zu übertreffen vermag. Das ist heute noch genauso wie einst. Noch immer schwebt über der schönen Bahn der Hauch der weiten internationalen Welt. Die Engländer, Franzosen, Italiener, Österreicher, die alle so manchesmal die großen Preise entführten, dazu die Skandinavier, die Schweizer und Belgier und viele andere mehr waren auch diesmal wieder zur Stelle, zumindest als interessierte Zuschauer oder als Käufer bei der großen Jährlings-Auktion, bei der in diesem Jahre zwei prächtige Stuten mit den melodischen Namen Brillanz (aus dem Gestüt Charlottenhof) und Lydia (aus der Zucht der Gräfin Batthyany) die Rekordpreise von 60 000 und 56 000 Mark erbrachten. Der Gesamterlös betrug bei 32 verkauften Jährlingen immerhin 750 000 Mark. Was will man mehr?