"Jugendhormon" im Rio Negro?

Ein natürliches Schädlingsbekämpfungsmittel, dessen Vorrat unerschöpflich, erscheint, entdeckte in Brasilien der amerikanische Insektenforscher Professor Carroll M. Williams von der Harvard-Universität. Das Wasser des Rio Negro, eines der bedeutendsten Nebenflüsse des Amazonas, ist nicht nur schwarz, wie der Name sagt, sondern auch tödlich für Insekten.

Auf einer Expedition war Williams aufgefallen, daß es am Rio Negro nicht, wie an anderen Nebenflüssen des Amazonas, von Insekten wimmelte. Der Forscher vermutete, daß im Wasser des Rio Negro Substanzen enthalten sein könnten, die ähnlich wirken wie das "Jugendhormon" der Insekten. Tatsächlich bestätigte sich sein Verdacht.

Das Jugendhormon bewirkt normalerweise, daß die Insekten während ihrer oft in mehreren Phasen verlaufenden Entwicklung nicht vorzeitig geschlechtsreif werden. Gegen Ende der Entwicklungszeit hört die Hormonproduktion auf. Werden die Insekten jedoch weiterhin dem Einfluß des Hormons ausgesetzt, können sie ihre Entwicklung nicht abschließen und gehen unreif ein.

Daß auch andere Substanzen ähnlich wirken können, stellten Williams und sein Mitarbeiter Karel Sláma vor zwei Jahren fest. Sláma kultivierte für Versuche flügellose Feuerwanzen, wie er es vorher zehn Jahre lang in Prag getan hatte. Aber nun in Amerika starben die Insekten stets, bevor sie das Reifestadium erreicht hatten.

Als Ursache des frühen Todes ermittelten Williams und Sláma Papierhandtücher, mit denen sie die Anzuchtgefäße ausgelegt hatten. Amerikanisches Papier, das aus dem Holz der Balsamtanne gewonnen wird, so stellte sich heraus, enthält eine dem Jugendhormon ähnliche Substanz.

Das schwarze Wasser des Rio Negro, folgerte Williams angesichts des insektenarmen Flusses, ist eine Art von Tee. bei seinem Lauf durch Dschungel und Sümpfe nimmt der Strom, so lautete die Arbeitshypothese des Entomologen, mancherlei Pflanzensäfte auf, die ähnlich wie das Holz der papierliefernden Balsamtannen die Insekten-Entwicklung hemmen können.