Viktor Reimann: Innitzer – Kardinal zwischen Hitler und Rom, Molden-Verlag, Wien, 380 Seiten, 25,– DM

Als im März 1938 Adolf Hitler nach Wien kam, proklamierte der österreichische Episkopat mit Kardinal Theodor Innitzer an der Spitze das Bekenntnis zum Deutschen Reich als „selbstverständliche nationale Pflicht“, deren Erfüllung „allen gläubigen Christen“ aufgetragen wurde. Innitzer unterschrieb seinen ersten Brief an Gauleiter Bürckel mit „Heil Hitler“! Die Frage, wie der Übergang vom Austrofaschismus, der ein christliches und österreichisch-patriotisches Unternehmen gewesen war, zum nationalsozialistischen Dritten Reich sich scheinbar so krisenlos, so frei von „Skrupulanz“ vollziehen ließ, wird in Reimanns Buch kaum aufgeworfen, obschon sie an wesentliche Tatbestände rührt. Der Verfasser versucht vielmehr schon in der Einleitung, das Braunhemd gewissermaßen durch den Kardinalspurpur reinzuwaschen.

Das Bestreben der österreichischen Bischöfe, durch ihr Ja die Lage der Katholischen Kirche in Deutschland zu verbessern, war sicherlich vorhanden, doch erklärt es nicht alles. Viel wesentlicher erscheint mir, daß Kirche und Kardinal in Österreich zu jener Zeit schon in einem erschreckenden Ausmaß völkisch unterwandert waren. Selbst der christliche Ständestaat, der sich als „zweiter deutscher Staat“ und als anderer deutscher Faschismus verstand, hatte soviel nationalsozialistisches Begriffsgut übernommen („Ostmark des Reiches“, „Ostmärkische Sturmscharen“ und dergleichen), daß eine innere Widerstandskraft nicht mobilisierbar war.

Innitzer hatte sich zudem stets als Großdeutscher gefühlt; er war es nicht in destruktiver Form gewesen wie jene seiner Landsleute, von denen Josef Roth schrieb, es führe ein näherer Weg von der Wiener Hofburg „zum bosnischen Maronibrater und zum galizischen Talmudjuden als zum sudetendeutschen Historiker der Wiener Universität“, doch enthielt das großdeutsche Denken eben einen Kern von antiösterreichischem Irredentismus. Innitzers „Heil Hitler!“ mag in der Tat ein formaler, floskelhafter Zufall gewesen sein – doch passieren solche Zufälle nicht ohne Prädisposition. (Eine ähnliche Prädisposition veranlaßte den Sozialdemokraten Renner, „als Verfechter des Selbstbestimmungsrechts der Nationen“, sein Ja zum Anschluß, allerdings ohne „Heil Hitler“, zu sagen.)

Ein anderer Teil dieser Prädisposition kam aus der Ablehnung der Demokratie und aus der übersteigerten Angst vor dem „Bolschewismus“ und dem Sozialismus.

Innitzer war seinem Wesen nach ein unpolitischer Mensch; er ließ sich vom Gefühl, nicht von Vernunft leiten; er handelte zunächst im Sog des „katholischen Zeitgeistes“, ehe er, das Satanische am Nationalsozialismus wie das Unzulängliche am katholischen Integralismus gleicherweise erkennend, dem „katholischen Zeitgeist“ vorauszueilen begann. Er versuchte, so viele Juden wie nur möglich zu retten, er zog den Klerus aus dem politischen Leben zurück, er suchte selbst den Dialog mit Sozialisten und Freimaurern, auch da stets mehr ahnend als überlegend – aber die Ahnung zeigte ihm einen Weg, der aus den Irrungen der Vergangenheit herausführte. Wenn die katholische Kirche heute in Österreich (und vor allem in Wien) in so gut wie jeder Hinsicht Avantgarde ist (ihrer Art gemäß eine vorsichtige, behutsame Avantgarde), so hat den Aufbruch dazu schon „der Kardinal, der ‚Heil Hitler‘ schrieb“, signalisiert.

Sein Biograph hat Schuld und Versagen möglichst gleichmäßig verteilt. Für Reimann öffneten sich auf fast wunderbare Weise Akten, Nachlässe und Privatarchive: er konnte damit eine Menge bisher unbekannten Materials zutage fördern, und dies allein macht seine Innitzer-Biographie schon wertvoll. In dem zeitgeschichtlich nicht verwöhnten Österreich wirkte sie sogar revolutionär – auch ohne jenen Prozeß in die Tiefe, zu dem die Aktenfunde wie die Gestalt des Kardinals herausgefordert hätten.

Claus Gatterer