Von Rolf Zundel

Bonn, im September

Mit einem flotten Hut in der Hand und freundlich lächelnd war ein Herr in mittleren Jahren an der Spitze einer kleinen Marschgruppe durch Godesberg gezogen. Vor ihm marschierte ein Fahnenträger mit einer schwarzrotgoldenen Fahne, dahinter ein Zug von etwa 40 Männern. Sie waren weder besonders elegant noch ärmlich gekleidet. Einige von ihnen trugen Papptafeln, auf denen alarmierende Parolen zu lesen waren: "Heimkehrer suchen Wahrheit und Gerechtigkeit", "Kanzler, Minister, Abgeordnete gaben ihr Wort – soll es gebrochen werden?", "Nicht um Geld geht es uns, sondern um die Einhaltung gegebener Versprechen".

Es war ein merkwürdiger Kontrast zwischen diesen anklagenden Parolen und der friedfertigen Stimmung in der Marschgruppe. Von Bonn nach Godesberg war sie auf dem Fahrradweg marschiert – vermutlich um den Abendverkehr nicht zu stören. An der Bannmeile des Bundestages hatte sich der Trupp aufgelöst und hatte die Transparente eingepackt. In Godesberg wurde die Gruppe von der Polizei sicher über die Kreuzungen geleitet. Sie hielt sich brav auf der rechten Straßenseite, damit die Autos passieren konnten. Im Gespräch war von Politik nichts zu hören, wohl aber wurde der Gasthäuser am Rande gedacht.

In der Stadthalle von Godesberg hatte das Demonstrations-Idyll ein Ende. Der Herr in mittleren Jahren, der an der Spitze marschiert war, trat ans Rednerpult, sein freundliches Lächeln verschwand, und nach wenigen Sätzen kochte der Saal. "Das maßvolle Verhalten der Heimkehrer ist zu Ende", donnerte er; der Beifall brandete auf. Die versprochene Abschlußnovelle zum Kriegsgefangenen-Entschädigungsgesetz sei gestrichen worden – "Pfui", "Beschämend ist so was". Hassel habe erklärt – "Abtreten, Schwätzer, pfui". Einer der Marschierer, der zuvor friedfertig durch Godesberg gezogen war, schoß von seinem Sitz hoch und brüllte zornbebend: "Lügner."

Diese Kundgebung des Heimkehrerverbandes war der Abschluß eines Protestmarsches. Am alten Entlassungsplatz der Kriegsgefangenen, im Lager Friedland, hatten die Heimkehrer ihren Marsch begonnen und in 32 Stafetten in Tag- und Nachtmärschen ihren Appell an den Bundestag nach Bonn gebracht. Die Friedlandglocke läutete vom Tonband, als die Gruppe, beklatscht von der Versammlung, in den Saal eingezogen war.

Des Tonbands bedienten sich die Heimkehrer auch, um an die vielen Versprechungen der Politiker aller Parteien zu erinnern. Da war der ehemalige Vertriebenenminister Baptist Gradl zu hören: "Diese Abschlußleistung (gemeint ist die Schlußnovelle zum Kriegsgefangenen-Entschädigungsgesetz) ist Ihnen von verantwortlichen Sprechern aller Parteien zugesagt worden, und dieses Versprechen darf nicht untergehen, wenn das Vertrauen in ein demokratisches Wort nicht Schaden nehmen soll."