Das Gesicht der Stalin-Tochter, die da, umgeben von Zeitungsleuten, in einem Sessel auf dem Rasen saß, war sympathisch. Und wie gewandt sie zu antworten wußte – diese über Nacht berühmt gewordene Frau, deren Buch der „Bestseller des Jahrhunderts“ wurde, noch ehe es auf dem internationalen Markt erschien.

Sie sprach über das „Böse“ in Stalin, ihrem Vater, den sie doch verteidigen möchte, denn Papa hatte für sie natürlich auch seine guten Seiten. Sie sagte, vor allem Beria, ein wahrer Teufel, hätte ihn verdorben, und schließlich sei Verfolgungswahn hinzugekommen. „War Stalin mehr schlecht oder mehr gut für Rußland?“ – Mehr schlecht: so deutete Swetlana an. Und doch vermutete sie: Wäre Stalin nicht gewesen, so hätte wohl ein anderer dasselbe blutige Werk verübt...

Tapfer und nicht ohne Eleganz erwiderte sie so auf manche kitzlige Frage. Doch ungefragt hatte sie am Anfang des Interviews ein Wort korrigiert, das der Veröffentlichung ihres Buches vorausgeeilt war: Ihre Sprachgewalt sei die eines Tolstoi, eines Turgeniew. Dieser Vergleich war ihr offensichtlich peinlich. „Ich bin keine Schriftstellerin und will keine werden“, sagte Swetlana. Sie habe nur den Rat eines Freundes befolgt: „Versuche, mir einen Brief zu schreiben. Fang einfach an, und du wirst sehen.“ Schwerlich wären Tolstoi und Turgeniew so vorgegangen. So hat Swetlana auch keine „Memoiren“ verfaßt. Gegen diesen Begriff wehrt sie sich ausdrücklich. Sie sagt, es sei eine „lyrische Reportage“. Das Buch heißt jedoch ganz sachlich: „Zwanzig Briefe an einen Freund.“

Schwierig wird die Sache, wenn Swetlana mitteilt, eine Kopie ihres Manuskriptes, die in Rußland blieb und später in den Westen gebracht wurde, sei von den Sowjets verändert worden, um Pikanterien bereichert, wie man an anderer Stelle las. Die Sowjets behaupten dagegen, die Amerikaner hätten den Rotstift angesetzt, speziell dort, wo es um ihre Liebesgeschichten ging, obwohl doch sonst „Sex-Stories“ für auflagesteigernd gehalten werden. Die Neu-Millionärin Swetlana (so sagen die Russen) soll folgende Eigenschaften haben: brav, unglücklich, fromm. Die wahre Unschuld, die eben, weil sie so tugendhaft ist, es in Rußland nicht länger aushalten konnte...

Drüben, im Osten, und hüben, im Westen, ist es gleichermaßen wie im Himmel: Der zuletzt bekehrte Sünder macht das Rennen. Wenn ein Neu-Kommunist nach Rußland kommt – Alleluja; eine Neu-Demokratin nach Amerika – Alilujewa! Und wer sagt, der „Kalte Krieg“ sei vorüber?

Aber warum ärgert es die Russen, daß ihr Buch ausgerechnet zu ihrer Halbjahrhundert-Feier der Oktoberrevolution erscheint? Sie haben ihren Staat aufgebaut, den Krieg gewonnen (gemeinsam mit Amerika), sind (neben Amerika) die führende Weltmacht geworden, haben (vor zehn Jahren und bevor Amerika desgleichen tat) einen „Sputnik“ ins All geschickt. Wie können „Zwanzig Briefe“ der Swetlana ihre Jubiläumsfreude trüben? – „Weil wir empfindlich sind!“ sagte kürzlich ein in Hamburg weilender Sowjetjournalist. Welch unerfindliche Empfindlichkeit!

Andererseits: Wenn die Amerikaner, die selber für unempfindlich gelten, schon wissen, daß die Russen so empfindlich sind, warum wollen sie partout, daß Swetlanas „Briefe“ termingerecht zur Feier der Oktoberrevolution, und möglichst nicht vorher, erscheinen? Und welche Amerikaner sind dies? Der Rußland-Kenner Kennan ist es sicher nicht. Welcher vernünftige Amerikaner hätte denn noch Interesse am „Kalten Krieg“, wo Präsident Johnson sein Rendezvous mit dem Präsidenten Kossygin so positiv bewertete!

Ihre „Briefe“ seien unpolitisch, so wehrt die Verfasserin ab. Wäre dies der Fall, dann verspräche ihr Name mehr, als ihr Buch halten kann. Schon jetzt ist sie ins Zwielicht geraten. Reiche, arme Swetlana ...