Von Carl Georg Heise

Es ist hier eine Kontroverse zwischen zwei unserer angesehensten Kunstkritikern veröffentlicht worden: Wieland Schmied schreibt einen „Offenen Brief“ an Werner Haftmann, der jüngere schreibt dem Älteren, dem auch er mit Achtung begegnet, in dem er aber jetzt einen Abtrünnigen zu sehen glaubt.

Der akute Anlaß ist weniger wichtig als ein dahinter sichtbar werdendes Problem, das uns alle angeht. Haftmann hat sich in einem einleitenden Essay zur Ausstellung der neuesten Bilder von Ernst Wilhelm Nay dazu hinreißen lassen, mit journalistischer Pikanterie Persönlichkeit und Werk seines Künstlerfreundes scharf abzusetzen von jener „amüsierten Kunstwelt“, die „auf den heutigen Kampf- und Tummelplätzen der Pop- und Op-Artisten, auf den orgiastischen Spielplätzen von allerlei Beat-Kunst sich heute einzurichten wünscht“. Es ist gewiß richtig, daß Nays Kunst „die Stallwärme munterer Zeitgenossenschaft“ entbehren kann, sie durchaus nicht nötig hat. Daraus aber möchte nun Wieland Schmied den Schluß ziehen, daß Haftmann, ehemals beredtester Anwalt alles fruchtbar Neuen auf dem Gebiet der bildenden Künste, sich nunmehr resigniert, gar aggressiv, abwendet von den jüngeren Künstlern unserer Zeit, ja ihnen „die innere Notwendigkeit und Verbindlichkeit“ abspreche. Da Haftmann keine Namen genannt hat, wird man ihm eine solche Pauschal-Verurteilung kaum unterstellen dürfen.

Wichtig aber bleibt die Frage, ob die Älteren (und gar die im Verhältnis zu den streitenden Kollegen bereits Uralten, zu denen der Unterzeichnete sich rechnen muß) das Recht haben, aus der Sicht ihrer Generation abwertende Urteile zu fällen gegen neu heraufkommende künstlerische Tendenzen, zumal wenn sie uns noch nicht als voll ausgereift erscheinen und einstweilen im besten Falle mehr gegen das Überlebte als für das Zukünftige einzunehmen verstehen. Der innere Zwiespalt, in dem wir uns befinden, gleicht einer echten Gewissensnot: Dürfen wir Wasser auf die Mühlen derjenigen gießen, die damals wie heute die Ewig-Gestrigen sind und damit, ganz gegen unseren Wunsch, die sich überall abzeichnenden reaktionären Tendenzen vermehren? Dürfen wir andererseits gegen unsere Überzeugung schweigen, wenn wir eine Kunstrichtung heraufkommen und sich durchsetzen sehen, die uns als verderblich erscheint? Gewiß müssen wir eine generationsbedingte Unfähigkeit immer in Rechnung stellen, die es uns schwerer und schwerer macht, mit der Zeit Schritt zu halten – aber wäre es nicht verantwortungslos, unsere wohlüberlegt abmahnende Meinung ganz zu unterdrücken?

Woher leitet sich denn der Anspruch, ein Heutiger zu sein, einer der Künstler, die schöpferisch und fruchtbar auf die Gegenwart einzuwirken vermögen, so daß wir sie anerkennen sollten, „ganz gleich, welchen Weg sie gehen“, wie Wieland Schmied das nicht ungefährlich glaubt fordern zu dürfen? Es muß einmal deutlich ausgesprochen werden, daß heute ein junger Maler oder Bildhauer nicht selten nur deswegen als Genie ausgerufen wird, weil er etwa von der Kestner-Gesellschaft ausgestellt oder von einem einzelnen Kunstkritiker, der suggestiv zu schreiben versteht, mit ausufernden Lobsprüchen überhäuft worden ist. Das vermag dann – es gibt dafür Beispiele genug – eine Kettenreaktion auszulösen, die Kunsthändler, Literaten und leider auch manche Museumsleiter dazu veranlaßt, ins gleiche Horn zu blasen, um nicht als hoffnungslos rückständig zu gelten. Auch die Sammler fühlen sich verpflichtet, mitzumachen und die rasch ansteigenden Preise zu zahlen, um, wie Schmied das verführerisch formuliert, „mitzuwachsen mit den besten Hervorbringern des schöpferischen Geistes unserer Zeit“.

Nun, für uns Uralte gibt es eine überzeugende Verhaltensweise, die der alternde Goethe so ausgedrückt hat: „Wissen wo man selber steht und wohin die anderen wollen“, was öffentliche Zurückhaltung einschließt und unausgesprochen im Herzen wohlwollende Duldsamkeit gegen das, was neu heraufdrängt. Für die mittlere Generation jedoch, der Werner Haftmann angehört und die noch mitten im aktiven Leben steht, darf solche Zurückhaltung nicht gelten, auch und gerade dann nicht, wenn sie sich mutig gegen modische Diktatoren absetzt. Ich möchte meinen, daß es sich auch früher als fruchtbar erwiesen hat, wenn Kritiker verschiedener Altersstufen sich vernehmen lassen, die Erfahrenen neben den jugendlich Unbedenklichen. Denn soviel ist gewiß: jedes Urteil über gegenwärtige Kunst ist subjektiv bedingt, und es erleichtert es dem Laien, ein eigenes Urteil zu finden, wenn neben der Rühmung auch das aufgezeigt wird, was jeder neuen künstlerischen Konzeption zwangsläufig Bedenkliches anhaftet, sei es, daß Mitläufer sie entstellen, sei es, daß Wege eingeschlagen werden, die in eine Sackgasse führen. Irren können sich die Jüngeren genauso wie die Älteren, und die einen müssen den anderen ihr Recht zu freier Meinungsäußerung lassen, wenn nur echte Anteilnahme mitspielt, wie Schmied sie Haftmann ausdrücklich zubilligt.

Was aber ernstlich bedacht werden sollte, das ist die entscheidende Frage, die uns alle beunruhigt: ob wirklich heute auch auf dem Gebiet der Kunst eine Weltenwende eingesetzt hat, in der kein Weg mehr zurückführt zu dem, was noch vor wenigen Jahrzehnten, selbst noch zur Zeit der Hochblüte des Kubismus und des Expressionismus, als die unerläßliche Grundlage aller künstlerischen Hervorbringung angesehen worden ist. Ich bin geneigt, diese Frage zu bejahen. Daran aber scheiden sich die Geister, und es mehren sich durchaus ernsthafte Stimmen, die ein Ende der Kunst (ein vorübergehendes, zeitbedingtes, oder gar endgültiges) voraussagen. Es ist gottlob eine alte Erfahrung (und ein tröstlicher Gedanke), daß die meisten Eintagspropheten die Zeitspanne verkennen, in der sich dunkel Geahntes verwirklichen könnte, sie viel zu kurz und präzise ansetzen. Die Weltgeschichte arbeitet langsamer als unsere beflügelte Phantasie.