Sand weht in den Suezkanal. Hätte man ihn nicht stets und ständig ausgebaggert, wäre dieser Kanal, der wiekein anderes Werk von Ingenieuren die politische Weltkarte veränderte, längst ein brackiges Rinnsal geworden. Jetzt liegt „Giant“, der größte Bagger der Suezkanal-Gesellschaft, eine Seemeile südlich von Ismailia auf Grund. Es ist eines von mindestens vierzehn Wracks, die das Fahrwasser versperren. Zum zweiten Male, seit Ägypten die Kanalgesellschaft verstaatlicht hat, ist der kurze Seeweg nach Asien blockiert. Seit dem ersten Dienstag im Juni fährt kein Schiff mehr zwischen Port Said und Suez.

Eine Schlagader des Weltverkehrs hat man den Suezkanal genannt; er war zudem eine Goldader. Anders als der Panama- oder der Nordostseekanal, ist er als Erwerbsunternehmen betrieben worden. Die Verwaltung des Panamakanals bestreitet mit den Gebühren, die sie erhebt, ausschließlich die Unkosten. So weitherzig der Begriff „Unkosten“ (einschließlich der Abgaben an den Staat Panama) ausgelegt werden mag, so sind die Gebühren grundsätzlich doch nie umstritten gewesen. Der Nordostseekanal wird mit Zuschüssen der Bundesregierung in Betrieb gehalten. Sie zahlen sich dank des volkswirtschaftlichen Nutzens dieser Wasserstraße wieder aus; aber sie sind derart hoch, daß die Dänen nach dem Zweiten Weltkrieg den ernsthaft erörterten Gedanken einer Internationalisierung des Kanals rasch wieder aufgaben. Ein Blick in die Verlustrechnung beendete die Diskussion.

Der Suezkanal hingegen war stets „ein Geschäft“. Kurz vor der Verstaatlichung warf eine Suezkanal-Aktie von 500 Goldfrancs Nominalwert einen Jahresertrag von 4270 Prozent ab; auch wenn man die Differenz zwischen Gold- und Papierfrancs voll in Rechnung stellte, ergab das eine Rendite von mehr als 25 Prozent. Gamal Abdel Nassers Begehrlichkeit hatte zu Buche schlagende Gründe.

Daß am und mit dem Suezkanal gut verdient wurde, erklärt seine Bedeutung natürlich nur zum kleineren Teil. Historisch-politisch wurde er fast zu einem Mythos. Mit dem Kanal wurden automatisch Begriffe wie „Weltmacht“ und, selbstverständlich, „Imperialismus“ assoziiert. Bismarck nannte den Suezkanal das „Rückgrat“ des britischen Empires. Und nur anderthalb Jahrzehnte sind vergangen, seit dem ein offiziöser britischer Informationsdienst diese Karte verbreitete:

In der Mitte lag Fajid, ein Ort, keine Stadt, ein Militärlager am westlichen Ufer des Großen Bittersees. Um Fajid waren zwei Kreise gezogen. Der erste hatte einen Radius von – maßstäblich – fünfhundert Meilen und umschloß im weiten Bogen die Levante mitsamt der türkischen Südküste, berührte Kreta und führte knapp vor Tobruk und erheblich hinter Assuan vorbei. Der andere war ein Tausend-Meilen-Kreis und reichte mit Khartum und Kuwait, fast bis Tiflis und in die Nähe der Krim, zur Pforte der Adria und tief in die libysche Wüstenei.

In dürren Worten auf hektographiertem Papier wurde dazu betont, wie politisch wichtig und strategisch richtig der britische Stützpunkt am Suezkanal sei und bleibe. „Stützpunkt“ allerdings war eine Vokabel des Understatements,

Die Stäbe des britischen Heereskommandos im Nahen Osten und des Befehlshabers der britischen Truppen in Ägypten sowie ein gemeinsames Hauptquartier für die britischen Land-, Luft- und Seestreitkräfte zwischen Malta und Aden saßen in Fajid. Das sogenannte Stützpunktgebiet aber erstreckte sich von der Küste am Roten Meer, etliche Kilometer südlich von Suez, bis unmittelbar ans Nildelta; Kairo lag in Feldkanonenschußweite. Truppen in Stärke von 85 000 Mann standen 1952 in der Suezkanal-Zone.