Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte bei der Katholischen Akademie in Bayern – Bände A 3 und A 4 (beide Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz): „Die kirchliche Lage in Bayern nach den Regierungspräsidentenberichten 1933–1943“, I. Regierungsbezirk Oberbayern, herg. von H.Witetschek, XLVII + 395 Seiten, 45,–DM; „Die Briefe Pius XII. an die deutschen Bischöfe 1939–1944“; bearbeitet von B. Schneider, zusammen mit P. Blet und A. Martini, XLVI + 381 Seiten, 48,– DM; Gordon C. Zahn: „Er folgte seinem Gewissen – Das einsame Zeugnis des Franz Jägerstätter“; Verlag Styria – Graz, 316 Seiten, 5 Abbildungen, 17,80 DM

Weder in Rom noch hierzulande war man mit dem, was Hitler tat, einverstanden; aber weder in Rom noch hierzulande hat man an etwas anderes zu denken vermocht als daran, wie man die klerikale Haut retten könne. Bischöfe wie Papst glaubten, für den institutionellen Bestand des Katholizismus verantwortlich zu sein. Er war für sie offensichtlich identisch mit dem Christentum, mit dem Mysterium der Kirche. Sie haben sich – insofern tapfer und entschieden und nicht ohne Klugheit der Schlangen – ihrer Haut gewehrt, ohne zu bemerken, daß es längst darum ging, sich selbst dranzugeben und die Seele zu retten. Nicht nur im Kampf gegen politische Schikanen und staatliche Euthanasie, sondern womöglich im rigorosen Aufstand gegen das ungeheure Unrecht, das allenthalben geschah.

Diesen Eindruck hinterläßt das Studium der vorliegenden Dokumentationen, über deren Zuverlässigkeit und wissenschaftlichen Wert man kein Wort zu verlieren braucht. Beim Abdruck der Papstbriefe wurden sämtliche von Pius selber vorgenommenen Korrekturen und Abänderungen Punkt für Punkt vermerkt, so daß die Intentionen und der Stil dieses Papstes nun buchstäblich auszumachen sind. Es sind höchst ehrenwerte Intentionen, und es ist ein brillanter, in seiner vornehmen Bedachtsamkeit für die Machthaber des Dritten Reiches wahrscheinlich kaum verständlicher Stil. Fast ausnahmslos sind Pacellis handschriftliche Korrekturen, die auch im Faksimile gezeigt werden, darauf aus, zurückhaltender, allgemeiner und insgeheim gefährlicher zu formulieren – übrigens stets in einem besseren Deutsch!

Dieser Briefwechsel mit den deutschen Bischöfen lief, ohne von deutschen Regierungs- oder Gestapo-Dienststellen kontrolliert zu werden, über die Nuntiatur in Berlin. Um so verwunderlicher wirkt seine in allen Bekundungen persönlichen Wohlwollens, freundschaftlicher Achtung, aufrichtigen Respekts doch immer amtliche, diplomatisch gefilterte, formelle Sprache. Mahnungen oder Trostworte, Zuspruch oder Gebot – nahezu alles, was privat und menschlich gesagt werden könnte, wird in offiziellen Klischees ausgedrückt, wogegen in den Formulierungen amtlicher, diplomatischer Stellungnahmen, die der Papst den Bischöfen anempfiehlt, oft eine höchstpersönliche Eleganz und Klugheit zu spüren ist.

Worum ging es? Daß der Jesuitenpater Muckermann über den Pariser Rundfunk den Nazis offen die Meinung sagt, daß irgendeine Klausel des Konkordats mißachtet, daß die Lage der Kirche in Deutschland und Österreich immer schwieriger wird, daß die Abwendung des Krieges und dann sein baldiges Ende wünschenswert sind – solche Fragen beschäftigen Bischöfe und Papst weit mehr als die konkreten Probleme: ob und wie man als Kirche Widerstand gegen ein unrechtes Regime und seine ungerechten Kriege leisten, ob und wie man den politisch oder rassisch verfolgten Menschen helfen müßte – kurzum, ob in einer unvergleichlichen Situation die Kirche sich nicht auch anders und ungewohnt zu verhalten habe.

Wie Moses dem Licht des vorübergegangenen Herrn, können wir diesem versäumten Kairos nur erschrockenen Gewissens nachblicken. Wäre er jetzt und hier wahrgenommen worden? Nichts spricht dafür, am allerwenigsten die Selbstsicherheit derer, die nun alles besser wissen wollen.

Damals waren es immerhin einige, dem Namen nach zumeist vergessene, arglose Menschen, die in ihren alltäglichen Situationen begriffen, worum es ging. Im trockenen Amtsdeutsch regierungspräsidialer Berichte sind ihre keinen Revolten, ihre kleinen Taten der Treue festgehalten. Diese amtlichen Meldungen geben wieder, was von Monat zu Monat da und dort passiert ist – Entsetzliches und bajuwarische Possen, brutaler Terror und lautlose Tapferkeit.