• „Ungarische Graphik der Gegenwart (Schleswig, Landesmuseum Schloß Gottorf): Zum erstenmal sieht man in der Bundesrepublik zeitgenössische Kunst aus Ungarn.

Zeitgenössisch ist die hier ausgestellte Graphik-Kollektion nicht nur nach ihrer Datierung (alle 112 ausgestellten Blätter sind in den letzten drei Jahren entstanden), sondern ebenso unter stilistischem, formalem und auch thematischem Aspekt. Wenn man sich erinnert, was uns in der vergangenen Woche als moderne sowjetrussische Graphik in Hamburg geboten wurde, dann weiß man die künstlerische Leistung der Ungarn, ihre Unabhängigkeit von politischer Ideologie, aber auch ihre strikte Weigerung, den sozialistischen Alltag zu illustrieren und graphisch zu verklären, doppelt zu schätzen.

Vierzehn vorwiegend junge Graphiker sind an der Ausstellung beteiligt. Sie verbinden technisches Raffinement mit graphischer Subtilität, wobei sie allerdings an den überlieferten Druckverfahren festhalten, ohne sie experimentell zu erweitern. Bevorzugtes Medium ist die Radierung mit ihren sehr leisen, grautönigen, akribischen Effekten-, der Holzschnitt kommt für die Ungarn als ein zu derbes, plakatives, undifferenziertes Mittel nicht in Betracht. Auffallend und unvereinbar mit der Vorstellung von wildem ungarischen Temperament und Leidenschaft ist die Neigung zu einer ironischen, spirituellen, skurrilen Phantastik – die Hälfte der Blätter könnte man in der großen Ars-Phantastica-Schau in Schloß Stein stilgerecht placieren. Man hat den Eindruck die ungarischen Künstler seien nach weltpolitischen Stürmen in eine Windstille geraten, sie vermeiden alle extremen Äußerungen und kaschieren ihre Situation hinter einer idyllisch aufgemachten, ästhetisch befriedigenden Fassade. Bis Ende September.

„Vom Konstruktivismus zur Kinetik“ (Krefeld, Galerie Denise René/Hans Mayer): Vor zweieinhalb Jahren hat Hans Mayer, einer der 18 progressiven deutschen Kunsthändler und unter diesen einer der aktivsten, in Esslingen seine kleine „op art galerie“ aufgemacht. In diesem Sommer hat er in Krefeld eine Filiale eröffnet. Das Haus hat drei Stockwerke und 500 qm Ausstellungsraum – die größte Privatgalerie in Deutschland. Zu diesem Zweck hat sich Hans Mayer mit der zur Zeit mächtigsten Pariser Galerie, mit Denise René zusammengetan. Denise René hat Vasarely vertreten, als er noch keinen Markt hatte, und sie hat im Lauf der Jahre alles um sich versammelt, was unter Konstruktivisten und Kinetikern Rang und Namen hat.

Mit weit über dreihundert Objekten dokumentieren 98 Künstler das Thema „Vom Konstruktivismus zur Kinetik 1917 bis 1967“. Allein die historische Abteilung der konstruktivistischen Wegbereiter ist glänzend bestückt. Ob Kandinsky oder Lissitzky, Duchamp oder Picabia, Robert oder Sonia Delaunay, alle sind sie mit wichtigen Werken vertreten. Das Prunkstück ist ein Mondrian erster Qualität (mit rund 600 000 Mark das teuerste Objekt der Ausstellung).

Im Keller ist ein kinetisches Kabinett etabliert, mit Tinguely, Julio Le Parc, Uecker, Wildung und anderen. Ein umfangreicher Katalog ist für die nächsten Wochen angekündigt. Die Ausstellung dauert bis Ende September. Gottfried Sello