Von Wolfgang Hauptmann

Khartum, Anfang September

Die antiamerikanischen Plakate in den Straßen Khartums paßten zu den markigen Worten vom „Kampf bis zum Sieg“, die zu Beginn der Konferenz der arabischen Staatschefs im Sitzungssaal gebraucht wurden. Aber schon vor dem Ende des Gipfel-Treffens war klar, daß die Gemäßigten gewonnen hatten. Die Kriegsparolen waren bald verstummt. Verloren hatten die radikalen Nationalisten, die meinten, es gleichzeitig mit Israel und dem Westen aufnehmen zu können. Die eigene Stärke überschätzend, verließen sie sich auf die Sowjetunion, die ihnen im Ernstfall zu Hilfe kommen sollte. Diese Rechnung aber ging nicht auf.

So fließt Arabiens Öl wieder nach Europa. Gegen die Vorschläge der Wirtschaftsminister setzten sich die Staatschefs der ölproduzierenden Länder durch, deren Milliarden-Einnahmen zu schrumpfen drohten. Allein Saudi-Arabien verlor durch den Boykott rund eineinhalb Millionen Mark pro Tag. Die Herrscher von Libyen, Kuwait und Saudi-Arabien berieten zunächst untereinander, dann mit den Ländern, die wie der Libanon, Marokko oder Tunesien ohnehin allem Kampfgeschrei mißtrauten. Schließlich machten sie ihren arabischen Vettern ein Angebot: Ägypten, Jordanien und Syrien sollten als die vom Krieg am stärksten betroffenen Länder pro Jahr anderthalb Milliarden Mark erhalten, wenn sie offen zugeben würden, daß der Ölboykott kein probates Mittel im Kampf gegen Israel sei.

Die Syrer lehnten ab und wiesen ihren Außenminister Makhos an, der Konferenz fernzubleiben. Die Algerier schickten in Vertretung Boumediennes zwar Außenminister Bouteflika, erklärten aber, sie würden nur Beschlüsse zur Fortsetzung des Krieges befolgen. Die Iraker beugten sich der Mehrheit, murrten jedoch. Präsident Aref meinte in Bagdad nach seiner Rückkehr, die Konferenzteilnehmer hätten zu wenig über die Ausrüstung der Armeen gesprochen; der Irak werde seinen politischen und wirtschaftlichen Boykott fortsetzen. Die Damaszener Parteizeitung „Al Barth“ schrieb dazu, das Öl sei so wichtig wie das verlorengegangene Land; man dürfe nicht, wie es geschehen sei, den Kampf gegen Israel zugunsten wirtschaftlicher Interessen vernachlässigen.

Ägypten aber beugte sich den kompromißbereiten Bruderstaaten. Damit war die Entscheidung gefallen. Kairos Verluste durch den Ausfall der Einnahmen aus dem Suezkanal werden ihm im vollen Umfang ersetzt. Außerdem kann es auf weitere Hilfe der arabischen Entwicklungsbank hoffen; sie wurde in Khartum gegründet und verfügt bereits über mehr als eine Milliarde Mark.Nasser erwies sich als Realist. Er wußte, daß ihm Moskau allein nicht helfen würde und daß er auf zusätzliche Devisen angewiesen ist, wenn er seinen Staat vor dem völligen Bankrott bewahren will. Ägyptens geschlagener Präsident braucht eine Ruhepause dringender denn je zuvor. Darum nahm er auch den Friedensplan für den Jemen an. Nun kann er sein dort glücklos operierendes Expeditionsheer abziehen.

Die Konferenz von Khartum war eine Konferenz der Realisten, die einzusehen beginnen, wo die Grenzen ihrer Macht liegen. Zwar haben sie jede Anerkennung Israels und jede Verhandlung mit den Juden abgelehnt; in den Entschließungen wird aber nur noch vom politischen und wirtschaftlichen Kampf gegen den jüdischen Staat gesprochen. Nasser, so heißt es, soll eingeräumt haben, daß eine militärische Lösung des Konfliktes ein Wunschtraum sei. Er stellte sich damit in schroffen Gegensatz zu seinen syrischen und algerischen Partnern. Erst müßten, so riet er, alle arabischen Staaten mehr für die Mobilisierung ihrer Kräfte tun. Da damit jedoch vorläufig kaum zu rechnen ist, bedeutet dieses Eingeständnis, daß die zuvor angekündigte „zweite Runde“ im Kampf gegen Israel verschoben wurde. Darum blieb auch der Präsident der „Palästinensischen Befreiungsorganisation“, Schukeiri, der Schlußsitzung fern. Für ihn ist Nassers Einsicht in die Realitäten ein Verrat an den arabischen Interessen.