Der Regierende Bürgermeister, Heinrich Albertz, rüstet sich. Am 14. September soll er den Berliner Abgeordneten in einer Sondersitzung des Parlaments Rede und Antwort stehen. Besonders die CDU-Opposition hat es auf ihn abgesehen. Sie behauptet schlicht, die Führung Berlins habe versagt: „In der Bevölkerung bestehen begründete Zweifel, ob der Senat noch fähig ist, Recht und Gesetz gegen anarchistische und umstürzlerische Gruppen zu schützen.“ Die CDU fordert den SPD/FDP-Senat daher auf, „endlich seiner Pflicht nachzukommen und die Ordnung zu gewährleisten“.

Die Christdemokraten wissen sich mit Berlins Taxifahrern und Hausfrauen eins, die nach dem heißen Studentensommer mit seinen Demonstrationen und Schüssen, seinen Maoisten und Kommunarden, seinen Dutschkes und Teufels nur ein Rezept kennen: „Es muß jetzt endlich hart durchgegriffen werden“ (CDU-Abgeordneter Rechtsanwalt Schmitz).

Die CDU fühlt sich in Berlin momentan stark. Nach den jüngsten Umfrageergebnissen hat sie an Stimmen gewonnen, die SPD dagegen Stimmen verloren. Sie richtet deshalb ihre Angriffe gegen den Pfarrer und Regierenden Bürgermeister, nicht nur wegen seiner und des Senats Haltung zu den Studentenunruhen. Ihr Angriff zielt auch auf die „avantgardistischen“ Bestrebungen des Schöneberger Rathauses in Ostfragen.

Albertz, der in puncto Ostpolitik nur als treuer Nachlaßverwalter seines in Bonn residierenden Vorgängers Willy Brandt fungiert, sandte kürzlich ein freundliches Schreiben nach Prag und bat seinen Kollegen um Kontakte zwischen Moldau und Spree. Er schickte auch seinen Wirtschaftssenator König auf die Reise: Senator König erschien in Moskau auf der Internationalen Bekleidungsmesse zum „Westberliner Tag“.

In Königs Moskauer Auftritt sahen die Berliner Gegner euer aktiven Ostpolitik bereits das Zugeständnis zur sowjetischen Drei-Staaten-Theorie, zumal Westberlin auch einen von der Bundesregierung gesonderten Ausstellungsstand gemietet hatte. König, der mit Billigung Willy Brandts an die Moskwa gereist war und dort mit einen sowjetischen Minister konferierte, möchte den engen Spielraum, den Berlin für den Ausbau seiner wirtschaftlichen Beziehungen mit den Ostblockländern hat, besser als bisher nutzen. Die Moskauer Reise soll ein erster Schritt sein, die Rumpfstadt zu einer Drehscheibe des Ost-Vest-Handels zu machen.

Doch die Berliner CDU sieht das Gespenst am Horizont auftauchen, daß die Stadt aus der engen Verzahnung mit der Bundesrepublik gelöst und als „gesondertes politisches Territorium“ betrachtet wird. Eine vom Senat eingesetzte Strukturkommission, die eine langfristige Planung für die Westberliner Wirtschaft ausarbeiten soll, und dabei, wie es ausdrücklich in dem amtlichen Auftrag heißt, keine Rücksicht auf politische Tabus zu nehmen braucht, spielte auch, zum Ärger vieler Berliner, den Modellfall „Berlin als dritter Staat“ durch.

Im Verein mit der Berliner Springerpresse, der diese Albertz-Richtung ebenfalls nicht paßt, benutzt die CDU jede Gelegenheit, den Berliner Bürgermeister unter Beschuß zu setzen. Das Neueste, wogegen sich Albertz zur Wehr setzen muß, sind Gerüchte, seine Partei plane seine Abberufung. Ein Nachfolger wurde bereits genannt: Kurt Neubauer, Senator für Soziales, Gesundheit, Jugend und Sport. Besonderes Kennzeichen: Er besitzt gute Kontakte zur sowjetischen Botschaft in Ostberlin.