Von Wolfram Siebeck

Früher als in anderen Jahren haben in diesem Jahr die Gammler ihren Zug in die Winterquartiere angetreten. Wetterkundige schließen daraus auf einen frühen und strengen Winter.

Die ersten südwärts ziehenden Gammlerschwärme wurden bereits Anfang August in München gesichtet. An der Leopold-/Ecke Ainmillerstraße, wo sie den Sommer hindurch nisteten, bemerkten Anwohner in den ersten Augusttagen eine verstärkte Unruhe unter den Gammlern. Enno P., Ainmillerstraße 7, berichtet: „Ich dachte, was haben die bloß?“ Und Rudi F., Kellner in der „Auberge Valaisanne“, Ainmillerstraße 1, der sie den ganzen Sommer von seinem Arbeitsplatz aus ungestört beobachten konnte, bemerkte eines Tages, „wie sie sich zu kleinen Gruppen formieren. Ich dachte, die gehen sicher wieder Haschisch suchen. Ein Gast, der einen Fensterplatz hatte (Pfeffersteak und 1 1/4 Dole), fragte mich, was denn mit den komischen Vögeln da draußen sei, und ich wollte gerade sagen, die gehen sicher Haschisch suchen, da sah ich, wie sie abzogen. Doch an der Art, wie sie ihre Plätze verließen, merkte ich, daß sie nicht wiederkommen würden. Da sind wir alle, auch die anderen Gäste, auf die Straße gelaufen und haben ihnen nachgeschaut. Man hatte sich schließlich so an ihren Anblick gewöhnt.“

Inzwischen sind aus den Dörfern Tirols und Oberitaliens die ersten Bestätigungen über die Gammlerzüge eingetroffen. Daß es sich um bisher in München ansässige Rudel handelt, konnte an Hand einiger beringter Exemplare eindeutig festgestellt werden.

Auch aus anderen Gammlergebieten, so von der Hauptwache in Frankfurt am Main und vom Kennedy-Platz in Essen, wurde der Abzug der Gammler gemeldet. Die damit verbundene Aussicht auf einen strengen Winter hat dem Ruhr-Bergbau wieder Hoffnung gemacht. In Essen hatte man im Sommer einige Gammler eingefangen und mit Spezialmitteln vom schwarzen Kohlenstaub befreien müssen. Glücklicherweise überstanden die empfindlichen Geschöpfe die Reinigung ohne sichtbaren Schaden. So konnte die Ölindustrie mit ihrem Vorschlag, die Produktion von Koks und Kohlenstaub mit Rücksicht auf die Gammler einzustellen, nicht durchdringen.

In der Gammlerkolonie in Bonn herrscht dagegen noch spätsommerliche Ruhe. Es mag daran liegen, daß die seltsamen Vögel dort ideale Nistplätze vorfinden und sich im Bonner Klima besonders wohl fühlen. Den Touristen nähern sie sich ohne Scheu. An Sonntagnachmittagen wandern viele Familien an den Rhein und zeigen den Kindern die Gammler. Wer dabei die glücklichen Kindergesichter beobachtet, der wird sich über jeden weiteren Tag freuen, den diese harmlosen und spaßigen Gesellen in unseren Landen verbringen.