„Le Saint Siege et la Situation religieuse en Pologne et dans les Pays Baltes 1939–1945. Actes et documents du Saint Siege relatifs à la Seconde Guerre Mondiale“; herausg. von den Jesuitenpatres Pierre Blet, Robert A. Graham, Angelo Martini und Burkhart Schneider; Libreria Editrice Vaticana. 2 Bde., 921 Seiten, 8000 Lire (ca. 52,– DM)

Es ist fast unerträglich zu sehen, daß trotz der immer schärfer werdenden Verfolgung der Polen und der täglich zunehmenden unglaublichen, von der deutschen Besatzung verübten Verbrechen die höchste Instanz der katholischen Welt seit zwei Jahren schweigt“, so schrieb Monsignore Carl Radonski, Bischof von Wlozlawek (Leslau), der den Krieg im Exil in London verbrachte, am 15. Februar 1943 an Papst Pius XII. Dieser Bischof zögerte nicht, nach dem Krieg die Möglichkeit einer von Rom getrennten polnischen Nationalkirche an die Wand zu malen. So sehr waren die polnischen Katholiken von der Haltung des Papstes enttäuscht.

Wenige Monate später schilderte der Exilbischof dem Papst die Stimmung im polnischen Volk: „Seht nur, so sagt es, die Kirchen sind entweder geschlossen oder entweiht, die Religion wird unterdrückt, Hunderte von Priestern wurden ermordet oder eingekerkert, die polnischen Mädchen sind der Lust verderbter deutscher Soldaten ausgesetzt, fast täglich werden unschuldige Geiseln vor den Augen von Kindern ermordet. Und der Papst schweigt, als ob ihn die Herde nichts anginge!“

Das ist der Höhepunkt der Kritik an Pius XII., die bei der Lektüre der neuesten Veröffentlichung von Dokumenten aus dem vatikanischen Geheimarchiv hervortritt. Die in den beiden Bänden zusammengefaßten 605 Briefe und Memoranden enthalten: die Korrespondenz zwischen dem Papst und seinem Kardinalstaatssekretär, Luigi Maglione, einerseits und den polnischen Bischöfen andererseits, den Schriftwechsel zwischen dem Berliner Nuntius Cesare Orsenigo und der römischen Kurie und die diplomatischen Noten zugunsten Polens und der baltischen Staaten an die Reichsregierung.

Die vom Bischof Radonski vorgetragene Kritik an Pius XII. wurde – allerdings in weit milderer Form – schon früher von dem ebenfalls im Exil lebenden Primas von Polen, Kardinalerzbischof August Hlond, und vom Krakauer Erzbischof Adam Stefan Sapieha erhoben. Kardinalstaatssekretär Maglione erwiderte auf diese Klagen, der Papst sei angesichts der Leiden der polnischen Nation durchaus nicht verstummt. Wenn die Briefe Pius XII. an seine Bischöfe nicht veröffentlicht worden seien, so auf Wunsch der Briefempfänger selbst, um Repressalien der deutschen Besatzungsbehörden gegen die Polen zu vermeiden.

Die Vertrauenskrise wurde erst überwunden, als der Papst am 2. Juni 1943 vor dem Kardinalskollegium in Rom an seinem Namenstage des tragischen Geschickes des polnischen Volkes gedachte. „Niemand, der die Geschichte des christlichen Europa kennt, kann ignorieren, wieviel die Heiligen und die Helden Polens, seine Gelehrten und Denker zur Bildung der geistigen Güter Europas und der Welt beigetragen haben und wieviel das einfache und treue polnische Volk mit dem stillen Heroismus seiner jahrhundertelangen Leiden zur Erhaltung eines christlichen Europa beigetragen hat. Wir bitten die Himmelskönigin, diesem hart geprüften Volk... eine Zukunft zu sichern, die seine legitimen Wünsche erfüllt und die der Größe seiner Opfer entspricht.“ Doch er vermied es, in einer Zeit, als die Deutschen in Stalingrad und Tunis schon kapituliert hatten, die deutsche Führung für die Verbrechen, die im deutschen Namen in Polen begangen wurden, direkt zur Verantwortung zu ziehen. Azio de Franciscis