Das Landgericht in Braunschweig stellte fest, die Eheleute hätten schon seit Jahren nicht mehr zusammengelebt und zwischen ihnen bestünde eine „tiefgreifende Entfremdung“. Es schied die Ehe.

Der Bundesgerichtshof jedoch hob dieses Urteil auf. Sobald die Richter in Karlsruhe über eine Ehescheidungssache zu befinden haben, betrachten sie sich als die Hüter einer christlichen Moral, die vor fast hundert Jahren in den Motiven zum Bürgerlichen Gesetzbuch ihren Niederschlag fand: „Im Eherecht darf nicht das Prinzip der individuellen Freiheit herrschen, sondern die Ehe ist als eine von dem Willen der Eheleute unabhängige sittliche und rechtliche Ordnung anzusehen.“

Mag eine Ehe in tausend Brüche gegangen sein – die Karlsruher Richter fordern, man solle sie kitten. So wird, in der Theorie, die Formebene geschützt, und, in der Wirklichkeit, die Nebenehe sanktioniert. Die Moral, nach der hier gerichtet wird – ist sie nicht in Wahrheit eine doppelte Moral? v. K.