Bonn, im September

Einen Führungswechsel in der FDP wird es nun wahrscheinlich doch nicht geben. Die letzten Erklärungen des Parteivorsitzenden Mende und seines Rivalen Walter Scheel legen den Schluß nahe, daß es im Januar auf dem nächsten Parteitag der Liberalen keinen Kampf um die Parteiführung geben wird. In Bonn rechnet man damit, daß Scheel mit einem hohen Parteiamt und mit der Nachfolge Thomas Dehlers als Vizepräsident des Bundestages abgefunden wird.

Auch die Programmdiskussion, die auf dem Hannoveraner Parteitag in offener und erbitterter Feldschlacht ausgetragen worden war, verläuft nun in ruhigen Bahnen. Die Rebellion gegen den alten Kurs und gegen die alte Führung scheint in einen taktischen Kompromiß einzumünden.

Offenbar hat sich die Meinung durchgesetzt, daß sich die Partei auf dem nächsten Parteitag in Freiburg kein zweites "Hannover" erlauben dürfe und auch keine "Kampfabstimmung" über den Parteivorsitz. Es wird erwartet, daß die Verteilung der wichtigsten Parteiämter in der Führungsgruppe vorher abgesprochen wird. Erich Mende wird also aller Voraussicht nach ohne Gegenkandidaten bleiben, einer seiner Stellvertreter wird vermutlich Walter Scheel heißen. Bisher waren Weyer, Mischnick und Bucher Stellvertreter Mendes. Bucher wird Mühe haben, noch einmal gewählt zu werden, und Willi Weyer hat öffentlich erklärt, daß ihm an diesem Amt nichts liege. Scheidet Weyer aus, ist für Scheel der Weg frei, denn beide kommen aus Nordrhein-Westfalen. Ein Wechsel würde also den Gebietsproporz nicht stören. Eine Veränderung wird es wohl auch in der Fraktionsführung geben; Mischnick soll Nachfolger von Kühlmann-Stumm werden.

Die Reformer in der Partei haben wohl mehr erhofft – auch von Scheel, der sich in den letzten Monaten – zuletzt in einem Interview mit dem "Stern" – als Mendes Nachfolger empfohlen hatte. Scheel ist zwar keiner Gruppe und keinem Flügel der Partei zuzurechnen. Er sagte über sich selbst: "Bei der großen Spannweite der Freien Demokraten stehe ich in der Mitte. Ich kann sowohl mit den einen als mit den anderen." Auch sind die programmatischen Differenzen zwischen Scheel und Mende – etwa in der Deutschland- und Ostpolitik – kaum zu erkennen. Aber Scheel wirkt weniger dogmatisch, und er scheint eher bereit, auch Ansichten zu vertreten, die nicht von vornherein demoskopisch abgesichert sind.

Nicht zuletzt wegen dieser Eigenschaften haben ihn die Reformer unterstützt, aus dem gleichen Grund argwöhnen aber auch viele Freie Demokraten – auch solche, die mit Mendes Führungsqualitäten nicht zufrieden sind – er wolle die Partei auf linksliberalen Kurs führen. Für diesen Kurs gibt es in der FDP noch keine Mehrheit. Zwar sympathisiert die jüngere Generation mit Rubin und Hamm-Brücher, die Wahl- und Entscheidungsgremien aber – die Delegierten des Parteitags und der Parteivorstand – sind konservativer gefärbt.

Walter Scheel ist nicht der Mann, der das Unmögliche möglich zu machen versucht. Erich Mende aus dem Sattel zu heben – es wäre ein großes Risiko gewesen. Vielleicht hätte Thomas Dehler, der in der Partei großes Ansehen genoß, die Entscheidung für Scheel erzwingen können. Er hatte ihn ja als Nachfolger von Mende vorgeschlagen.

Früher hieß es bei den Reformern der Partei: "Wenn Wolfgang Döring nicht so früh gestorben wäre..." Heute sagen sie: "Wenn Thomas Dehler noch lebte..." Rolf Zundel