Von Liesel Westermann

Acht Titel errangen die deutschen Leichtathleten trotz der überraschenden Niederlage von Kemper über 800 Meter bei der Universiade, den inoffiziellen Studentenweltmeisterschaften, in Tokio. 400 Meter: Röper, 1500 Meter: Tümmler, Dreisprung: Sauer, Stabhochsprung: Engel, Zehnkampf: Walde, 4 x 400-m-Staffel sowie bei den Damen Liesel Westermann im Kugelstoßen und Diskuswerfen (neuer deutscher Rekord). Die erfolgreichste deutsche Leichtathletin des Jahres 1967 schildert hier ihre persönlichen Erlebnisse in Japan.

Den ersten Vorgeschmack japanischer Gründlichkeit in allen Fragen der Organisation bekamen wir schon auf dem Flughafen. Ein Mainzer Zehnkämpfer durfte keine Apfelsine mit durch die Kontrolle der Gesundheitspolizei nehmen. Entweder aufessen oder abgeben, hieß es, was zu dem Vorschlag führte: „Gib sie in Quarantäne und hole sie nach zehn Tagen wieder ab!“

Sehr genau, ja fast pedantisch halten sich unsere japanischen Betreuer hier im Dorf (die übrigens ohne Entgelt arbeiten und sich den Dienst hier als Ehre anrechnen) an die Anordnungen ihres Organisationskomitees. Die Essenszeiten werden auf die Sekunde genau eingehalten. Es ist unmöglich, fünf Minuten nach der Zeit oder mit einer gelben Marke (Mittagessen) etwa zum Frühstück eingelassen zu werden, für das nun mal die blauen Marken verlangt wurden. Die ersten ein, zwei Tage führte mancher deutsche Teilnehmer lange Debatten, versuchte diese oder jene List, aber es nützte keinem, weder dem kleinen unbekannten Müller, Meyer, Schulze noch dem großen internationalen Star, jeder hatte sich zu fügen, und o Wunder, es fügte sich auch jeder der sonst so verwöhnten Athleten.

Im Hauptgebäude gibt es ein „shopping-center“ mit Wechselstube und Poststelle. Die Eßsäle befinden sich ebenfalls in diesem Gebäude, außerdem ein Lesesaal und ein International-Club mit kleinen Darbietungen wie Jazzkonzerte oder die Vorführung etwa der traditionellen Teezeremonie. Desgleichen steht uns noch ein Waschzentrum zur Verfügung, ausgerüstet mit Waschpulver, Waschmaschinen, Bügelbrettern, Bügeleisen und zur gefälligen Unterhaltung ein Fernsehgerät. Obgleich ich mich eigentlich darauf eingestellt hatte, hier und da einem „hilflosen“ Mann beim Hemdenwaschen oder -bügeln helfen zu müssen, muß man unsere Männer nur loben, denn sie wurden fast ausnahmslos erstaunlich gut mit ihrer „großen“ Wäsche fertig.

Es herrscht überhaupt ein sehr guter Ton in der Mannschaft. Jeder ist für jeden da, die Photofachleute helfen beim Kamerakauf bereitwillig den Unwissenden, und in den ersten Tagen sind die Einkaufserfahrungen Gesprächsthema Nummer eins. Hier hat jemand 15 Prozent, ein anderer nur 10 Prozent und ein dritter gar 20 Prozent Rabatt herausgehandelt. Aber auch diese Einkaufsbetriebsamkeit flaut langsam ab, die Geldbörsen sind leichter geworden, und die allgemeine Aufmerksamkeit wendet sich mehr und mehr den Sitten und Gebräuchen zu, man wird neugierig auf das „japanische“ Japan. Mit Beginn der Wettkämpfe rückt dann auch der Sport wieder an die Stelle des Interesses, die ihm auf einer Sportreise gebührt.