Mittwoch, 30. August, 21.00 Uhr, 1. Programm: „Das Attentat“

Eine Reihe von Schauspielern wienerte munter drauflos, Fettwanst und Schmierhans tranken ihren Kapuziner und Schwarzen, der Kriminalkommissar, pardon, Kommissär, zeigte sein Kleinbürgerzimmer, man chargierte im Josefstadt-Stil – doch plötzlich erstarrte der Rauch vor dem Mund, die Gestikulierenden wurden zu Puppen, mitten im Armschwung versteinten die Redner, ein Sprecher trat vor und sagte: „So etwa mag es gewesen sein, damals am 24. Juli 1934, als Österreichs Nationalsozialisten bei Gelegenheit eines Putsches den Bundeskanzler Engelbert Dollfuß erschossen.“

Eine szenische Veranschaulichung also, ein Demonstrieren mit Hilfe von pantomimischer Rekonstruktion: weder Illusionstheater noch strenge Dokumentation, sondern eine Verbindung von Spiel und Bericht, ein „so war es“ und zugleich ein „wir stellen uns vor“. Fiktion und Wahrheit, Legende und Historizität sollten einander entsprechen, man schmückte aus, erfand Arabesken und Schnörkel, aber man hütete sich, die Bereiche, wie es so oft geschieht, zu vermischen. Schauspieler Zips in der Maske des Engelbert Dollfuß hatte den wahren Kanzler nur zu zitieren und, als Brechtscher Zeuge, auf die Bühne zu stellen; eine mögliche Identifikation wurde durch eingeblendete Bilder, Klein-Dolly mit Mutter und Adoptivvater Leopold, unmöglich gemacht. Peter Adler, der Verfasser der Sendung, führte das Prinzip der wechselseitigen Erhellung von Spiel und Beleg mit Akribie und Anmut durch. Demonstration an der Tafel und phantasievolle Vorstellung ergänzten einander bisweilen aufs schönste; es fehlte nicht an Kunstverstand: wie lobenswert, daß man den kruden Höhepunkt, des kleinen Kanzlers Ermordung, aussparte und nur das Davor und Danach, den vergeblichen Fluchtversuch an der Hand des Türhüters und die Maske des Sterbenden zeigte.

Die Idee also war richtig, die Konzeption wohl überlegt... nur die Dosierung stimmte noch nicht: Zumal am Ende gab’s zu viel Spiel und zu wenig Quellenbericht, zu viel Maskerade und zu wenige Zeigestock-Auftritte, mehr Dramolett als Kritik. Die Bemerkungen über den Toten, der, als Opfer, die Sympathien der Betrachter ohnehin besaß, Bemerkungen über den Arbeitermörder, den Stände- und Führer-Staat-Schöpfer, den Meister von Wollersdorf, reichten nicht aus, um auch dem wenig Geschulten das Faschistoide des Zwergen, seine Skrupellosigkeit und das anachronistische Spiel mit Ritualen vergangener Zeiten, sichtbar zu machen. Mißtraute man der Intelligenz der Betrachter und fürchtete den Vorwurf, man habe wieder einmal nur Schulfunk geboten? Wie sonst erklärt sich das Übergewicht des Gespielten – Holzwebers ekstatische Schreie – gegenüber dem an der Tafel Gezeigten? Glaubte man, des Verfassers Auftritte, seine Verweise auf das Braunbuch und die Zeugenaussagen, seien weniger „spannend“ als die Verkleidungsszenen? Warum fehlte das Fazit? Und warum bediente man sich nicht der Hilfe des Kronzeugen Schuschnigg? (Sagte er ab, oder scheute man sich, den befangenen Mann zu befragen?)

Ein anderes Mischungsverhältnis, ein Abbau theatralischer Szenen, ein Zuwachs an historischer Dokumentation – und meisterlich wäre diese methodisch interessante Sendung gewesen.

Momos