Helsinki, im August 1967

Wenn der finnische Unterrichtsminister und seine Berater ihren Gesetzentwurf durchsetzen, dann werden in wenigen Jahren nicht mehr 30 bis 40 Prozent der finnischen Oberschüler Deutsch als erste Fremdsprache lernen, sondern nur noch 10 Prozent oder weniger. Totaler als je das Deutsche in den 30er Jahren wird dann das Englische im finnischen Bildungswesen dominieren.

Als Muttersprache von vier Millionen Menschen ist das Finnische kein internationales Kommunikationsmittel, und auch die offizielle zweite Landessprache, das von rund acht Prozent der Bevölkerung gesprochene Schwedisch, soll ihre bisherige Sonderstellung im Unterricht verlieren,

In den Volksschulen Finnlands, wo von der 3. Klasse an eine Fremdsprache gelehrt wird, haben sich die Ideen des Unterrichtsministers – er war übrigens lange Jahre Chef der Schulverwaltung – Geltung verschafft: Das Englische dominiert, und „folgerichtig“ weist die Schulverwaltung die Oberschulen an, den Englischunterricht als Pflichtfach weiterzuführen und keine Kurse in anderen Sprachen einzurichten. Deutsch, Französisch, Russisch oder Latein kommen nur noch als zweites Wahlfach mit ungenügender Stundenzahl in Frage.

Man fragt sich, wie sich das für seine wirtschaftlichen, technischen und kulturellen Leistungen international angesehene Volk Suomis seine Zukunft vorstellt, wenn es sich im Zeitalter weltweiter Kontakte die eigenen Kontaktfähigkeiten amputiert. Eine Sache für sich ist es, daß die letzten fünfhundert Jahre finnischer Geistesgeschichte eine ungebrochene Epoche finnisch-deutschen Austausches darstellen – das bestätigt ein Blick auf die wissenschaftlichen Bibliotheken Finnlands, auf die Publikationssprache der finnischen Gelehrten und auf das Zielland der im Ausland studierenden und praktizierenden Jugend des Landes.

Auch im finnischen Außenhandel spielt das Deutsche neben dem Englischen und Schwedischen eine wesentliche Rolle; wichtig ist es auch als Verkehrssprache mit den Ostblockländern.

Aus der Perspektive der Vernunft lassen sich die Motive dieser anachronistischen Entwicklung nicht ergründen; daß sie sprachpädagogisch höchst anfechtbar ist, erkennt auch der Nicht-Philologe bei kurzem Nachdenken.