In Frankreich wird zur Zeit eine gründliche Reform des akademischen Unterrichts durchgeführt. Der Lehrplan der philosophischen Fakultäten wird gänzlich umgestaltet. Da die französischen Universitäten staatliche Einrichtungen sind, kann die Reform planmäßig und überall nach gleichem Modell, auch in beschleunigtem Tempo, vor sich gehen. Die im Oktober 1966 eingeleitete Übergangsperiode geht schon Oktober 1967 zu Ende; dann ist das neue Regime in Kraft.

Selbstverständlich gibt es Unterschiede in der Auffassung oder im Vollzug der Reform, je nach den lokalen oder auch fachlichen Gegebenheiten und Perspektiven. Es spielt auch manchmal das Temperament der Ausführenden eine gewisse Rolle. Die französische Germanistik läßt eine besondere Reformfreudigkeit erkennen; sie will sich die gebotene Gelegenheit eines durchgreifenden Umbaus ihrer Methoden, ja einer Neudefinierung ihrer Zwecke nicht entgehen lassen.

Der französische Begriff der „études germaniques“ deckt sich übrigens nicht einfach mit dem deutschen Begriff der Germanistik. Letztere bezeichnet sich als „die Wissenschaft von der deutschen Sprache und Literatur“. Gewiß, Germanisten im deutschen Sinn des Wortes gibt es auch in Frankreich; und sie gehören auch zur guten alten Tradition der französischen Germanistik. Doch das Ziel der Germanistik geht immer mehr über den so definierten Rahmen hinaus. Sie betrachtet es immer mehr als ihre Aufgabe, ihre Studenten mit der heutigen Kultur der deutschsprechenden Länder vertraut zu machen – Kultur im allerweitesten Sinn, also Kunst und Wirtschaft, Wissenschaft und Technik, Gesellschaft und Politik mit einbegriffen. Etwa „Deutschlandkunde“, auf die verschiedenen deutschsprechenden Länder ausgedehnt. Und zwar die Kultur von heute. Die Kenntnis der Vergangenheit ist der Erkenntnis der Gegenwart untergeordnet, hat ihr zu dienen und sich nach ihr zu richten.

Vom französischen Studenten der Germanistik wird freilich erwartet – heute wie früher –, daß ihm die Namen Wotan, Siegfried und Alberich nicht unbekannt sind (sei es über Wagner und Bayreuth als phänomenale Erscheinung der deutschen Bourgeoisie der Gründerjahre) – aber er soll sich schon eher mit den Namen Stinnes, Krupp, Siemens vertraut machen. Es wird ihm besonders hoch angerechnet, wenn er sich unter dem Namen Hermann Josef Abs etwas vorstellt. Schließlich hat jede Epoche ihre eigene Helden- und Göttersage. Warum sollte den Studenten nur das tote Inventar einer Kultur dargeboten werden? Sollen wir in unsern Seminaren ein Geschlecht von Holz- und Bücherwürmern heranzüchten, die nur Zellstoff und Druckerschwärze verdauen können?

Prüfstein germanischen Wissens an der Sorbonne ist zum Beispiel die Beschreibung der heutigen Situation Berlins. Oder: Was heißt denn soziale Marktwirtschaft? Arbeiten der höheren Semester lauten: „Der Beitrag der Flüchtlinge und Heimatvertriebenen zum Wirtschaftswunder“, oder „Die heutige Situation der Frau in den akademischen Berufen“, „Die Kirchensteuer in der Bundesrepublik“, „Die Struktur des Informationswesens (Presse, Rundfunk, Fernsehen) in der Bundesrepublik“.

In den ersten vier Semestern des neuen Lehrplans an der Sorbonne wird deutsche Literatur kaum noch studiert; dafür aber soll die Sprache viel gründlicher gelernt werden als bisher. Auch anders, nämlich mit Sprachlabors, programmiertem Unterricht und struktureller Grammatik. Gleich im ersten Semester wird ein Teil der Vorlesungen und Proseminarübungen in deutscher Sprache gehalten. Endziel ist, daß sich der ganze Unterricht (abgesehen von einigen spezialisierten Vorlesungen und Seminarübungen) in deutscher Sprache abspielt.

Dazu wird in den ersten vier Semestern (premier cycle) die deutsche Geschichte gelehrt als Grundlage und Voraussetzung zum Verständnis der gegenwärtigen Situation Deutschlands. Wobei das von der deutschen Geschichtsschreibung überlieferte Deutschlandbild nicht unbedingt kritiklos übernommen wird. So fällt den Franzosen beispielsweise auf, wie relativ wenig sich die deutschen Historiker für die städtische Kultur des Mittelalters interessiert haben, die doch die Geburtsstätte des heutigen Deutschland ist und eine glänzende, großartige Epoche der deutschen Geschichte darstellt.