/ Von Horst Krüger

Es ist schlimm mit mir, ich weiß es. Ich kann es einfach nicht lassen. Jedesmal, wenn ich für ein paar Tage in Westberlin bin, zieht es mich einfach rüber – magnetisch. Es kommt über mich. Es müssen gesamtdeutsche Gefühle, Erinnerungen, Abgründe in mir sein. Berliner Erbe – wer kann das vergessen? Immer, wenn ich ein paar Tage am Kurfürstendamm wohne, überfällt mich plötzlich an einem regnerischen Nachmittag diese heimliche Neugier. Ich schleiche mich stumm davon und gehe in die Hauptstadt der DDR. Keine Verwandtenbesuche, kein Päckchen nach drüben, nichts da von menschlichen Erleichterungen, die Kiesinger immer sucht. Ich gehe nur so und mir zur Lust. Für mich ist das beinah so wie für andere ein LSD-Schuppen in Kreuzberg oder eine zwielichtige Party in der Uhlandstraße. Der Sozialismus ist mein Laster, ehrlich. Ich fröne ihm. Es reizt mich, rasch einmal nach dem Stand des Sozialismus in Deutschland zu sehen. So vergehe ich mich heimlich gegen das Grundgesetz: In Einheit und Freiheit. So diene ich öffentlich dem Weltkommunismus: Wie geht es denn den Kommunisten drüben?

Für unsereinen ist das mühelos zu machen. Im S-Bahnhof Zoo sage ich nur etwas entschlossener: „Einmal Friedrichstraße!“ Man kommt sich ein klein wenig mutig vor, unter all den DDR-Rentnern und Westgammlern, die hier herumirren, so entschlossen gen Osten zu fahren. Mein Gott, wie oft tat man das? Gleich hinter dem Lehrter Bahnhof, genau dort, wo die Charité beginnt und wo weiße Arztmantel in Hinterhöfen auf Wäscheleinen flattern, wird einem immer etwas komisch in der Magengrube. Ich denke an Freunde, Bekannte, Kollegen: Kantorowicz, Zwerenz, Hänschen Mayer, die Carola Stern – für die wär’s ziemlich brenzlig jetzt, was? Aber jetzt bist du drin in der Falle, mein Lieber – nun durch. Nun suche gefälligst in Friedrichstraße auf dem Bahnsteig den richtigen Ausgang: für Bürger der deutschen Bundesrepublik: für Tagespassierscheine: für die Hauptstadt der DDR.

Nein, ich werde jetzt nicht erzählen, wie es unten ist: der Geldumtausch, die Paßabgabe – „Journalist? Für welche Zeitung schreiben Sie denn?“ – das Nümmerchen dann, die Schuldgefühle auf der Holzbank, fast wie in der Kirche, und schließlich die Lautsprecherstimme – man kennt das. Die Prozedur ist ekelhaft, aber natürlich schwer zu vermeiden, wenn zwei Staaten in einer Art politischen Bürgerkriegs so ineinander verkrallt liegen. Es riecht überall nach Desinfektionsmitteln unten, es riecht überall nach Fortschritt. Es wird alles besser, auch hier unten. Ich brauchte diesmal kaum zehn Minuten auf-meinen Passierschein zu warten.

Jetzt kommt etwas Wichtiges. Kein deutscher Autor hat es bisher beschrieben. Es kommt dieser kahle, nichtssagende Spezialausgang für Westbürger im Ostberliner S-Bahnhof Friedrichstraße, nach dem ich mich immer umdrehe, wenn ich ihn passiert habe. Ich betrachte ihn lange. Es ist gar nichts zu sehen; das ist das Auffällige. Über allen Gängen, Treppen, Türen hier vernünftige Hinweise und Auskunftsschilder. Nur dieser Ausgang ist anonym. Nichts als eine graue, schäbige S-Bahntreppe, deren Decke im vorigen Jahr noch hellgrün gestrichen war; jetzt ist sie semmelgelb. Eine Kafka-Treppe, keine Aufschrift sagt, was sie ist. Da trippeln von Zeit zu Zeit ganz vereinzelt Westdeutsche herunter, und unten stehen wie zufällig Ostdeutsche, gucken hin, gucken wieder weg auf irgendwelche Fahrpläne, gucken wieder hin, tun so, als ginge sie das Ganze gar nichts an und lauern und schielen doch, ob jemand kommt aus dem goldenen Westen und den Geruch der großen, freien Welt mitbringt – sagt man das nicht so bei uns? Die nächste Treppe für solche Begegnungen ist nämlich erst in den Strandhotels in Bulgarien und Jugoslawien. Im Bahnhof Friedrichstraße ist sie für 30 Pfennig zu besichtigen.

Nein, ich werde jetzt auch nicht erzählen, wie es um die Hauptstadt der DDR steht. Man weiß es: Es wird immer besser „nach der Mauer“. Die Friedrichstraße ist noch immer etwas dürftig und hat zuviel Luft zwischen den Häusern, aber „Unter den Linden“ ist wirklich wieder eine Prachtstraße geworden, die sich kaum von den Prachtstraßen Westberlins unterscheidet. Nur weniger Leute laufen herum. Das alles ist jetzt modern und luftig und hell gebaut, ein ultramodernes Bürohaus neben dem anderen – kilometerlang. Und unter die jungen Linden haben sie tatsächlich sehr aparte und zierliche Gartensesselchen gestellt, freundlich und weiß, auf denen man sich gratis niederlassen kann, um über Berlin nachzusinnen. Vom Telefunkenhochhaus am Reuterplatz bis zum Rathausturm am Alex ist Deutschlands Zwietracht sehr günstig einzusehen.

Ich war also in die Hauptstadt der DDR gekommen, um alles gut und schön und fortschrittlich zu finden. Ich sagte mir, du mußt endlich auch in dir diese Reste des Kalten Krieges überwinden: die graue Zone, die armen Verwandten, das Trübselige am Sozialismus: lauter Relikte aus Adenauers Zeit. Nichts stimmt mehr. Nun sieh dir das an, das sieht sehr passabel aus. Auch Ostberlin wird wieder freundlich und hell und modern, und alles gehört dem Volke, nicht den Konzernen. Wie schön. Sie erneuern die ganze Stadt. Ein gewaltiger Bebauungsplan ist entworfen und soll bis 1970 die Oststadt mit Hochhäusern und Tiefstraßen, mit Stadtautobahnen und strahlenden Wolkenkratzern genauso bunt übersäen wie die Weststadt. Weltniveau in Berlin. Wie sich die Bilder gleichen. Man hat also vieles nachzuholen.