London, im September

Die überraschende Übernahme des englischen Wirtschaftsministeriums durch Englands Premier Harold Wilson ist von den meisten Kommentatoren in der Londoner City und in der Fleet Street als ein taktisches Manöver gewertet worden, die beiden Hürden des bevorstehenden Gewerkschaftskongresses und des Labour-Parteitages so glatt wie eben möglich zu nehmen. Mit der alten Besetzung wäre das, angesichts eines Krisenwinters auf dem Arbeitsmarkt, sicher nicht leicht gewesen. Vom Sachlichen her, so schrieb der „Economist“, gäbe es für den ungewöhnlichen Schritt nur einen hinreichenden Grund, daß nämlich eine Abwertung des Pfund Sterling bevorstehe. Da aber Regierung und Opposition dieses Mittel konsequent ablehnen, sieht niemand andere als psychologische Motive hinter Wilsons Entscheidung für die Übernahme des Wirtschaftsressorts.

Es hätte nahegelegen, das Wirtschaftsministerium ganz abzuschaffen. Dazu konnte sich Wilson jedoch nicht entschließen, weil er damit den Fehlschlag eines vor drei Jahren mit so viel Vorschußlorbeeren bedachten Unternehmens sozialistischer Planung offen eingestanden hätte. Da die Konservativen seinerzeit vor dieser Konkurrenz zum Finanzministerium und vor der Aufteilung der ökonomischen Kompetenzen in zwei Verwaltungszweige gewarnt hatten, wäre ihnen ein später Triumph in den Schoß gefallen. Schlimmer aber hätte sich eine Liquidierung des Wirtschaftsministeriums auf die Moral der eigenen Reihen ausgewirkt; denn das Wirtschaftsministerium war ja als Gegengewicht gegen die von Labour immer mit Mißtrauen bedachte Allmacht der Bürokratie des Finanzministeriums geschaffen worden.

George Brown, der erste Chef des Wirtschaftsministeriums, sollte James Callaghan, den Finanzminister, nicht nur im Kabinett neutralisieren; seine Leute waren auch, wie es die Labour-Party in der Opposition erhofft hatte, dazu ausersehen worden, die notorisch restriktiven „Nein-Sager von Downing Street 11“ in einen fruchtbaren Meinungsstreit darüber zu verwickeln, was einer expandierenden Volkswirtschaft Nutzen bringen könnte.

Sosehr jedoch Wilson nach den ersten Pfundkrisen selbst auf die Seite des Finanzministeriums und seiner „Nein-Sager“ hinübergeschwenkt war und so komplett die Niederlage Browns und Stewarts in ihrem Kampf gegen die Routine des Callaghan-Ministeriums hatte ausfallen müssen – es kam für Wilson auch diesmal nicht in Frage, das Wirtschaftsministerium einfach abzuschaffen. Wohl hat es noch eine weitere Zuständigkeit verloren, nämlich die für Fragen der Wirtschaftsbeziehungen zu den EFTA- und EWG-Ländern. Sie ist dem energischen neuen Chef des Handelsministeriums, Crosland, als Dreingabe zur Amtsübernahme überlassen worden, so daß die englische Wirtschaftspolitik künftig noch weniger als bisher dort gemacht werden wird, wo sie nach Labours Willen vor drei Jahren konzentriert wurde. Die Beseitigung des Wirtschaftsministeriums hätte dem Land und vor allem der Regierungspartei allzu deutlich gemacht, daß die lang herbeigesehnte Expansion weiterhin auf sich warten läßt, und daß man einem Winter entgegengeht, in dem sich James Callaghan endgültig in den verhaßten Tory-Finanzminister Selwyn Lloyd verwandelt.

Was anderes hätte Wilson tun können? Ein neuer dritter Chef in dem verunglückten Ministerium hätte, selbst wenn ein potenter Mann zur Verfügung gestanden hätte und auch bereit gewesen wäre (beides war nicht der Fall), gegen den Finanzminister am Ende genauso aufgeben müssen wie Brown und Stewart zuvor. Solange Wilson überzeugt ist, daß Callaghan in seiner St.-Georgs-Rolle zum Schutz der „Prinzessin Sterling“ richtig handelt, gibt es keine andere Wirtschaftspolitik.

Brown und Stewart gerieten vor allem deshalb ins Hintertreffen, weil alle bisherigen Krisen – nämlich die des vergangenen Juli – in die Zuständigkeit des Schatzkanzlers fielen. Damit trugen auch alle Rezepte den Stempel der Weisheit des Finanzministeriums, nicht des Wirtschaftsministeriums. Das machte auch andere institutionelle Lösungen – etwa ein Zusammenlegen beider Ministerien – von vornherein unmöglich. So paradox es klingen mag: Wilsons ungewöhnlicher Entschluß war tatsächlich das am wenigsten Ungewöhnliche, was er tun konnte.