Die Verlage der DDR werden also tatsächlich der Frankfurter Buchmesse fernbleiben. Wer einen Widerruf ihrer Entscheidung erwartet hatte, verkennt, daß eine Frage – hier war es die der Zulassung oder Nichtzulassung der „namensgleichen“ Verlage –, auch wenn sie jahrelang nicht besonders ernst genommen wurde, in dem Moment, da sie zu einer Prestigeangelegenheit befördert wird, nie wieder in ihre alte Unwichtigkeit zurückfallen kann.

Es geschah aber auch noch ein übriges: Auf einer Pressekonferenz während der Leipziger Buchmesse erklärte der stellvertretende Vorsitzende des Komitees für Druck- und Verlagswesen beim Ministerrat der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (um ihm seinen vollen Titel nicht zu beschneiden), Grant M. Martirosjan, daß jene Bedingungen des Frankfurter Börsenvereins für die DDR-Verlage diskriminierend und unzumutbar seien und daß die Sowjetunion Solidarität üben werde. DDR und UdSSR also werden in Frankfurt auf jeden Fall fehlen; daß sich weitere kommunistische Staaten dem Boykott anschließen, ist durchaus möglich.

Wir weinen keine Krokodilstränen, wie in Leipzig gesagt wurde, wenn wir diesen Entschluß tief bedauern – und das nicht um einer gesamtdeutschen Romantik willen, sondern wie alle den natürlichen Verkehr der Gedanken behindernden künstlichen Barrieren zu bedauern sind. Den Schaden haben beide Seiten.

Unsere Vermutung, daß die DDR die Frage der Nichtzulassung von elf Verlagen nur als Vorwand benutzte, um auch auf diesem Gebiet ein Stück Anerkennung zu erreichen, ist inzwischen in Leipzig mehrfach ausdrücklich bestätigt worden. Sonderbar bleibt es dennoch. Warum hat man den Frankfurter Börsenverein nicht vor eine wirklich politische Entscheidung gestellt, die ihm sehr zu gönnen gewesen wäre? Warum hat man nicht auf einer normalen „Nationalausstellung“ bestanden, auf einem Schild mit den drei Buchstaben Dora Dora Richard, anstatt des undefinierbaren Zwischenstatus, der den DDR-Ausstellern bisher in Frankfurt zugewiesen wurde? Warum ausgerechnet die Frage der namensgleichen Verlage, wo man doch wissen mußte (oder hat man sich tatsächlich irgendwelchen Illusionen hingegeben?), daß der Frankfurter Börsenverein da völlig machtlos ist? Zwei dieser westdeutschen Verlage, deren volkseigene Namensvettern in Frankfurt ausstellen wollten (Insel und Rütten + Loening), haben inzwischen erklärt, daß sie nichts gegen eine Präsenz der namensgleichen DDR-Häuser einzuwenden hätten. Aber es bleiben neun andere; und selbst wenn es dem Börsenverein gelingen sollte, einige von ihnen umzustimmen – daß das Bibliographische Institut etwa oder Reclam sich irgendeine Konzession abhandeln ließen, erscheint mir völlig aussichtslos. Es ist eine privat-, firmen- und urheberrechtliche Frage und keine politische, wie sie der Börsenverein hätte entscheiden können.

Hatte man das in Leipzig vorher nicht gründlich genug überlegt? Dachte man, in der Bundesrepublik würde wie in der DDR ein Wink von oben genügen, und schon wären alle Verlage einer Meinung? Oder wollte man auf jeden Fall den völligen Bruch und hatte sich jene Streitfrage ausgesucht, über die er am sichersten erfolgen würde?

Wieder einmal jedenfalls muß dies konstatiert werden: weil die Bundesrepublik auf einer zur Zeit illusionären deutschen Einheit besteht, verweigert sie der DDR die Anerkennung; und weil sie die Anerkennung verweigert, zerreißt die DDR nach und nach auch noch die letzten verbindenden Fäden. So kann eine Politik ihr genaues Gegenteil erreichen. Einiges wäre gewonnen, wenn darüber wenigstens deutlich geredet würde. Die ausweichende Sprache, die auch der Börsenverein in solchen Fällen spricht (wir kommen Ihnen ja so gerne entgegen, aber bitte haben Sie doch Verständnis, daß wir nicht können, wie – ja wie?) ist zum Lachen. Dieter E. Zimmer