Wolfgang Schneiderhan, der am 28. Mai 1915 in Wien geboren wurde, wird mir sicher beipflichten, wenn ich den Pressedienst der Deutschen Grammophon Gesellschaft richtigstelle, der ihn als einzigen Geiger Österreichs von Weltruf bezeichnet hat. Denn es schmälert seine Verdienste nicht, wenn daran erinnert wird, daß auch Kreisler, obschon polnischer Abstammung, Österreicher war und an Ruhm alle Geiger dieses Jahrhunderts übertroffen hat – ob auch an Qualität, ist freilich eine andere Frage.

Aber Kreislers Violinspiel war so andersartig, daß ein Vergleich dieser beiden Geiger zu nichts führt; ich täte dem einen wie dem anderen unrecht, wenn ich sie aneinander messen wollte. Kreisler war wienerisch-verspielt, ein wenig süßlich und romantisch verfärbt und technisch nicht besonders zuverlässig. Schneiderhan ist technisch weitaus verläßlicher, intoniert mit gestochener Sauberkeit, hält die romantische Expression in den aus der jeweiligen Komposition gezogenen Grenzen und ist trotz seiner Taufe mit Donauwasser nicht wienerischer, als es Brahms gewesen ist.

Das wird seine Ursachen in der Hauptsache in seiner Persönlichkeitsstruktur haben, beruht aber wohl auch zum Teil auf der Art seiner Ausbildung. Er erhielt zwar den ersten Violinunterricht bei seiner Mutter, die ihn so weit förderte, daß er bereits mit fünf Jahren öffentlich auftreten konnte, aber den entscheidenden Einfluß auf seine Formung als Violinspieler übte Ottokar Sevcik aus, zu dem er bald in die Lehre gegeben wurde.

Sevciks Lehrmethode ist trocken wie Pfeffer, aber ebenso wirksam. Die technische Genauigkeit und Zuverlässigkeit der virtuosen Mittel, vor allem aber das bemerkenswerte Maß an technischen Reserven, das sich in seiner steten Spielbereitschaft ausdrückt, dankt Schneiderhan in erster Linie dem harten Drill des böhmischen Magisters.

Doch Wolfgang Schneiderhan hat nicht nur eine hohe technische Begabung, die bei Sevcik zu

virtuoser Spitzenleistung geformt wurde, er besitzt auch ein überragendes künstlerisches Volumen, dessen unverkennbar eigene Prägung durch seinen dritten Lehrer in aller Behutsamkeit entwickelt worden ist.