Donnerstag, 7. September: Nachrichtensendungen im 1. und 2. Programm

Am 7. September, abends gegen 19.15 Uhr, zeigte ein renommierter deutscher Mann der erstaunten Öffentlichkeit einen Berufswechsel an: Dem Amte nach Politiker, im Hoffnungstraum ein Lehrstuhlinhaber, sagte der Oppositionsführer und Habilitand Erich Mende der Rostra und dem Katheder Valet, tauschte den Lorbeer gegen den Dollar, ging Bruder Erhards Weg und ließ sich küren zum Chef einer Investmentgesellschaft: IOS ist ihr Name, Investors Overseas Services; die hat eine deutsche Tochtergruppe, deren Verwaltungsrat einen strebsam-honorigen Mann brauchen konnte.

Sechzehn Minuten später, um 19.31 Uhr, wurde Mendes Entschluß von „Heute“-Sprecher Behrend verlesen; eine halbe Stunde danach, um 20.01 Uhr, brachte auch die ARD die Nachricht, der FDP-Führer habe auf eine Wiederwahl anno 68 verzichtet. Dabei nutzten beide Programme nicht ihre Chance: Die Mainzer verschoben den Kommentar bis zur Spätausgabe von „Heute“ – und dies, obwohl bereits in den Abendblättern von Mendes neuem Posten ausgiebig berichtet worden war. Die ARD-Kombattanten auf der anderen Seite begnügten sich mit einer Reprise der Meldung, unter Beifügung eines elegischen Photos – von ersten Stellungnahmen, von Blitztelephonaten und Eilinterviews war keine Rede: Sie scheinen nur am Platz zu sein, wenn „unsere Heidi“ irgendwo in Amerika eine Medaille erringt.

Und also fragte dann der Betrachter am Bildschirm: Wozu „Themen des Tages“, wenn das Thema fehlt; wozu der Zeitgewinn und wozu die längere Nachrichtensendung, wenn man bei der ARD mit der wichtigsten Meldung nichts anfangen kann? Sir Humphrey Trevelyan und die Befreiungsfront von Aden in Ehren, in Ehren auch das bitterböse Happening der Studenten vor der Frankfurter Vietnam-Diskussion, in Ehren Carstens’ Visite am Schröderschen Bett oder der Ölboykott, den die Algerier im Fall der Bundesrepublik nicht befolgten, in Ehren alle Nachrichten, die nur – wie diese – das Erste und nicht das Zweite Programm brachte; in allen Ehren auch die nuanciertere Bewertung der Dokumente (sagten die Mainzer: 44 Zivilisten fanden den Tod, so fügten die Hamburger nach ägyptischen Quellen hinzu), in Ehren schließlich die witzigere Darstellung der Tagung des Einzelhandels – doch was nützt das alles, wenn man eintausendachthundert Sekunden zwischen halb acht und acht nicht zu nutzen versteht?

Zweimal also wurde eine Chance vertan, zweimal versäumte man – und mußte doch längst vorbereitet sein! –, Einzelheiten, Probleme und Umstände des Falls zu analysieren. (Später dann, im Laufe des Abends, hätte unter dem Aspekt „Die Unabhängigkeit des Politikers“ das Prinzipielle des Falls vorgeführt werden können.)

Warum verschoben die Mainzer nicht ihren Bericht über die Super-Tanker, die Hamburger nicht ihr Kunstflugfilmchen auf später? Wirklich, ich verstehe nicht, weshalb der Zuschauer über ein Fußballspiel, fünfzehn Minuten nach Spielschluß, besser als über den Berufswechsel des Oppositionsführers unterrichtet werden kann: Nichts gegen Gründlichkeit, nichts gegen die Devise lieber zwei Stunden später und dafür exakt – aber gewisse Dinge muß man als politischer Redakteur vorausahnen können ... jedenfalls dann, wenn Zeitungen von der Größenordnung der „Nordfriesischen Nachrichten“ sich bereits als wohlinformiert präsentieren und zur Schlagzeile nur noch das i-Tüpfelchen fehlt.

Momos