Liebe Freunde,

ich mache mir keine Illusionen über den Stand der Freiheit der Intellektuellen in den sozialistischen Ländern, aber ich habe Hoffnung, eine hartnäckige Hoffnung, daß Ihre Kämpfe und Demütigungen nicht vergebens sind. Es ist diese Hoffnung, die mich veranlaßt, auch weiterhin in sozialistische Länder zu reisen, obwohl mir die Zweideutigkeit solcher Reisen klar ist. Einerseits bekundet man scheinbar Einverständnis mit den Parteifunktionären in den viel zu mächtigen Schriftstellerverbänden, andererseits ist es die einzige Möglichkeit, Gespräche zu führen und Freunde zu treffen.

Vielleicht kann ich Ihnen an einem Beispiel erklären, wie schwierig und zweideutig unsere Position auch hier ist: Einige westliche Schriftsteller protestierten gleichzeitig gegen die Verhaftung von Danielj und Sinjawskij und gegen den Vietnam-Krieg. Alle westdeutschen Zeitungen, und es gibt deren einige hundert, veröffentlichten unseren Protest gegen die Verhaftung der beiden sowjetischen Schriftsteller, aber nur einige wenige unseren Protest gegen den Vietnam-Krieg. Sie sehen an diesem Beispiel, wie leicht jene Freiheit, die hier jede Zeitung genießt, sich in Selbstzensur verwandelt, indem man sich der Freiheit bedient, nur die Nachrichten zu bringen, die gerade passen. Was wichtiger ist: Auf die Idee, daß beide Proteste aus einem Geist kamen, ist meines Wissens kein einziger Kommentator gekommen. Ich nehme an, in den sozialistischen Ländern war es umgekehrt; dort wurde wohl nur unser Protest gegen den Vietnam-Krieg abgedruckt oder erwähnt, der Protest gegen die Verhaftung der beiden Schriftsteller wahrscheinlich wurde unterdrückt oder nur so hämisch kommentiert, wie hier unser Protest gegen den Vietnam-Krieg. Offenbar war wohl auch im sogenannten sozialistischen Lager die Vorstellung unvollziehbar, daß beide Proteste aus einem Geist stammten, dem, für den jegliche Art staatlicher Zensur undiskutabel und die Freiheit des Wortes und der politischen Entscheidung selbstverständlich ist.

Sie, liebe Freunde, sollten wissen, daß es diesen einen Geist gibt, der uns verbindet; daß dieser Geist nicht immer „funktioniert“, liegt in seiner Natur, liegt auch in der Erkenntnis der Zweideutigkeit unserer Aktionen und in der ständigen Gefahr, in schlechte Gesellschaft zu geraten, die Gesellschaft jener, die diesen einen Geist spalten möchten in einen westlichen und einen östlichen, in einen „kommunistischen“ und einen „freien“.

Ich kann an diese Spaltung nicht glauben, und doch fällt es mir schwer, Ihnen Mut zuzusprechen. Die Gesellschaft, in der ich lebe, macht es mir zu leicht, mutig zu sein; sie ist – im Gegensatz zu Ihrer Gesellschaft, deren Gereiztheit in einem peinlichen Mißverhältnis zu ihrer immensen Macht steht – kaum noch provozierbar. Ich grüße Sie alle in herzlicher Verbundenheit. Ihr Heinrich Böll