Verehrter und lieber Herr Grass,

das Dokument, das „Manifest der tschechoslowakischen Schriftsteller, Wissenschaftler und Künstler“ heißt, betrifft zufälligerweise ebenso mich wie Sie. Wenn Sie einer der Adressaten sind, so bin ich einer von denen, in deren Interesse, wie aus dem Text hervorgeht, dieser Appell an Sie gerichtet wurde. Denn ich bin einer der vier Teilnehmer am IV. Kongreß des Verbandes der tschechoslowakischen Schriftsteller, die das „Manifest“ als die „mutigsten Kollegen“ bezeichnet und die bei der Wahl des neuen Vorstandes von der Kandidatenliste gestrichen wurden. Ich bin also einer der vier, von denen im „Manifest“ weiter gesagt wird: „Sie wurden mit Schweigeverbot bedroht und unter Polizeibewachung gestellt und an der Veröffentlichung ihrer Werke gehindert; sie sind der Verfolgung ausgesetzt, ihr Auskommen und ihre persönliche Freiheit ist gefährdet“ ...

Ich möchte Ihnen erklären, wieso ich mich auch in einer so konfliktreichen Situation als freier Mensch fühle, der keinen Grund sieht, um Hilfe zu rufen. Und ich möchte auch versuchen, Ihnen klarzumachen, worin Sie sich grundsätzlich irren.

Sie haben Ihren Brief als „deutscher Schriftsteller und Sozialdemokrat“ geschrieben. Daraus und aus Ihren bisherigen Werken darf ich annehmen, daß Sie sich zu der gewaltigen Strömung der Weltliteratur bekennen, die bewußt auf die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft Einfluß nehmen will. Auch ich fühle mich ganz dieser Richtung verbunden. Erlauben Sie mir also, daß ich Ihnen antworte als tschechischer Schriftsteller und Kommunist.

Sie werden mit mir bestimmt darin übereinstimmen, daß jeder Mensch durch die Zeit, in der er geboren wurde, determiniert ist, und auch durch den Raum, in dem ihm zu leben bestimmt wurde. Unser Mitteleuropäertum und unsere gemeinsamen Grenzen schaffen auf beiden Seiten eine optische Täuschung. Wir setzen auf gleiche Ereignisse gleiche Reaktionen voraus und sind dann abwechselnd verwirrt und verdächtigen einander verschiedener Absichten, die wir zumeist gar nicht haben.

Wollen wir uns in Zukunft verstehen – und das ist, wie ich glaube, lebenswichtig nicht nur für unsere beiden Länder –, müssen wir in erster Linie untersuchen, worin sich eigentlich unser Denken unterscheidet. Je mehr ich von Ihnen, Böll und anderen westdeutschen Autoren lese, desto mehr komme ich zu der Überzeugung, daß das Unterschiedliche in unserem Denken seine Wurzeln an dem entscheidenden Punkt hat, den wir die Befreiung 45 und Sie den Nullpunkt nennen. Sie, wie wir, haben dazu unsere guten Gründe. An diesem Punkt haben wir uns verpaßt: als Angehörige zweier Nationen auf zwei Waagschalen, von denen die eine steil abwärts ging, beladen von einem Unmaß an Verbrechen, die andere steil nach oben stieg, auf den Flügeln schönster Hoffnungen. Ihr Erbteil war die Niederlage, unseres die Freiheit... Ich habe den Eindruck, daß Ihre Generation – ich meine die der Künstler –, auf Grund ihrer Erfahrungen eine Generation der Einzelgänger ist, während wir, auf Grund unserer Erfahrungen, eine – es fällt mir kein besserer Ausdruck ein – Team-Generation waren und es zum größten Teil immer noch geblieben sind ...

Nun – am humanistischen Inhalt der Ziele, die durchzusetzen sich meine Generation im Jahre 1945 vorgenommen hat, zweifle ich auch heute nicht. Er sollte – und soll es immer noch –, eine Gesellschaft formen, die den Traditionen und Fähigkeiten des tschechischen und slowakischen Volkes entspricht. Eine Gesellschaft, die sich zum Beispiel nie mehr von einem – um Ihre Worte zu gebrauchen – durch „bloße Interessenhörigkeit“ korrumpierten Parlament irreführen läßt, was bei uns beinahe zum Selbstmord der Nation geführt hat. Denn das Münchner Diktat konnte ja nur zustande kommen, weil die damalige Regierung meines Landes und Präsident Dr. Edvard Beneš persönlich von dieser „Interessenhörigkeit“ gefangen waren ...