Bonn

Was ihm als Sohn des Regierenden Bürgermeisters von Berlin nie passiert wäre, muß er als Sproß des Außenministers nun mit Fassung tragen. Willy Brandts jüngster Sohn Matthias, fünf Jahre alt, darf noch nicht zur Schule gehen. Obwohl Eltern, Ärzte wie auch der Lehrer dem frühreifen Ministersproß die Schulreife zuerkannt hatten, muß er jetzt noch ein Jahr warten, ehe er die Schulbank drücken kann. Der Grund: In dem von SPD und FDP regierten Nordrhein-Westfalen dürfen nämlich nur solche Schulneulinge in die Volksschule aufgenommen werden, die bis zum 30. September sechs Jahre alt geworden sind. Matthias Brandt wird jedoch erst am 7. Oktober sechs.

Der Bonner Schulrat Erich Oyen, der dem Brandt-Sohn den ersten Schulgang von Amts wegen verweigern mußte, bedauert seinen Einspruch, ändern kann er jedoch nichts: "Leider hat man in diesem Land den Eindruck, als könne der Schulausschuß im Düsseldorfer Landtag die Schulpflichtgrenze nicht hoch genug setzen. Dabei ist das Unsinn. Schulreife Kinder verlieren dadurch oft ein ganzes Jahr, und gerade die Frühreifen können nicht früh genug dazu gebracht werden, arbeiten zu lernen. Denn sonst gammeln sie später."

Mit einem Trick freilich wäre es auch dem Außenminister gelungen, seinem jüngsten Sohn die Karriere eines möglichen Gammlers zu ersparen. Wie man nämlich die bürokratisch festgesetzten Schulpflichtgrenzen in Nordrhein-Westfalen umgehen kann, exerzierte der in Bonn lebende Berliner Kaufmann und Küchenfabrikant Hans-Dieter Koch. Er schaffte es, seine gerade sieben Jahre alt gewordene Tochter Annette bereits die dritte Volksschulklasse besuchen zu lassen. Denn Vater Koch schlug den Bonner Schulbehörden ein Schnippchen, wie es in Deutschland einmalig sein dürfte.

Zu Ostern vergangenen Jahres wollte Kaufmann Koch seine aufgeweckte Tochter Annette in die Matthias-Claudius-Schule in Bonn einschulen. Da sie zu Beginn des Schuljahres jedoch noch nicht sechs war, mußte Vater Koch einen Ausnahmeantrag stellen. In Nordrhein-Westfalen können, wie auch in den anderen Bundesländern, schulreife Kinder auf besonderen Antrag eingeschult werden. Hans-Dieter Koch ließ seine Tochter vom Schularzt prüfen und bekam bescheinigt: "Annette ist in jeder Hinsicht schulfähig." Die Bonner Schulbehörde freilich sah es anders. Schulreife hin oder her, der sechste Geburtstag von Annette Koch fiel erst auf den 8. August. Der Stichtag für Ausnahmeanträge war jedoch der 30. Juni, drei Monate nach Schulbeginn. Annette hätte mithin noch ein Jahr warten müssen.

Dem Vater Koch war diese Stichtagregelung allerdings zu dumm. Kurz entschlossen meldete er seine Tochter polizeilich aus Bonn ab und meldete sie in Berlin bei Polizei und Schule an. Dort mußte sich Annette zwar nochmals dem Schularzt stellen; die Aussichten eingeschult zu werden, waren jedoch weit günstiger, denn in Berlin lag der Stichtag für Ausnahmeregelungen nämlich Ende August. Und da der Berliner Schularzt genausowenig Bedenken gegen die Einschulung hatte wie der in Bonn, kam die Koch-Tochter ohne Umstände in die erste Klasse.

Nach einer Woche Schulgang in Berlin meldete Koch seine Tochter sowohl bei der Schule wie auch bei der Polizei in Berlin wieder ab und kam nun seiner Bonner Meldepflicht nach. Dann schickte er Tochter Annette in die Schule und ließ sie ausrichten: "Die Unterlagen für die Umschulung bringt mein Vater." Der Schulleiter traute seinen Augen nicht, und weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte, schickte er Annette Koch wieder heim.