Walter Philip Reuther, der Chef der Automobilarbeiter-Gewerkschaft, hat den Krieg begonnen, der ihm entweder einen ruhmreichen Sieg und weit über seine Gewerkschaft hinausreichendes Ansehen und erhöhte Macht bringen wird – oder eine Niederlage, die seine hochfliegenden Pläne ein für allemal zerschlagen würde. Seit einer Woche werden alle amerikanischen Ford-Werke bestreikt; und dieser Streik ist der erste Schritt in dem persönlichen Aktionsprogramm Reuthers. Er braucht einen Sieg, um seine angeschlagene Stellung in seiner eigenen Gewerkschaft wieder zu festigen.

Der zweite Schritt seines Programms ist die Vollendung der Auseinandersetzung mit der Zentralgewerkschaft AFL-CIO und deren Präsidenten, dem 73 Jahre alten George Meany. Reuther hat die endgültige Auseinandersetzung seiner beinahe 700 000 Mitglieder umfassenden Gewerkschaft mit der Zentralgewerkschaft schon vorbereitet. Vor wenigen Monaten legte er das Amt des stellvertretenden Vorsitzenden der Zentralgewerkschaft nieder. Er beschwerte sich dabei öffentlich darüber, daß Meany stets nur eine eigene (konservative) Meinung gelten lasse. Was er nicht sagte, war, daß Meany seit der Fusion seiner AFL im Jahre 1955 mit der CIO-Gewerkschaft, der Reuther und andere Fachgewerkschaften angehörten, mehr und mehr frühere CIO-Führer zu sich herübergezogen hat, so daß Reuther mit seiner Opposition schließlich allein stand.

In seiner eigenen Gewerkschaft hat Reuther heute viele Feinde. Niemand kann leugnen, daß Reuther in früheren Jahren bei Kontraktverhandlungen immer alles aus den Automobilwerken herausgeholt hat, was herauszuholen war. Ganz unerwartet wurde Anfang vorigen Jahres jedoch eine neue amerikanische Gewerkschaft gegründet, deren Programm vielen Mitgliedern anderer Gewerkschaften einleuchtete. Sie wendet sich ausschließlich an „skilled workers“ – hochqualifizierte Facharbeiter –, die nach Ansicht der neuen Gewerkschaft im Verhältnis zur allgemeinen Arbeiterschaft viel zu wenig verdienen. So unerwartet war dieser Querschuß, daß Reuther seinen rebellisch werdenden Facharbeitern versprechen mußte, er werde jenen neuen Vertrag erst den Facharbeitern zur Genehmigung vorlegen. Das beruhigte zwar die damalige Rebellion, aber die Unzufriedenheit kam kurz vor Beginn der diesjährigen Tarifvertragsverhandlungen wieder zum Ausbruch. Die neue Gewerkschaft verlangte das Vertretungsrecht für die Reutherschen Facharbeiter. Dieser Angriff wurde zwar von der lokalen Arbeitsbehörde aus technischen Gründen abgelehnt, aber Reuther ist sich darüber klar, daß die neue Konkurrenz noch viel Unruhe in der Mitgliederschaft hervorrufen wird.

Nicht nur die Facharbeiter seiner Gewerkschaft sind unruhig geworden, auch die jüngeren Mitglieder der Gewerkschaft folgen nicht mehr blind der Führung. Diese Erscheinung ist in praktisch allen amerikanischen Gewerkschaften seit einiger Zeit sichtbar geworden. Mehr und mehr hat die jüngere, lokale Gewerkschaftsführung die Macht an sich gerissen. Die Folge war immer häufiger eine Ablehnung von Abmachungen, die von den obersten Gewerkschaftsführungen abgeschlossen worden waren und die den lokalen Gewerkschaften zur Ratifizierung vorgelegt wurden. Für Walter Reuther bedeutet dies, daß er gezwungen war, exorbitante Forderungen zu stellen und von sich aus den Streik (traditionell bei nur einem Autowerk) auszurufen. Nur auf diese Weise kann er versuchen, das Heft in der Hand zu behalten, anstatt von wilden Streiks, die sich ebenso gegen ihn wie gegen die Arbeitgeber richten würden, überrascht zu werden. Reuther weiß, daß er diesen Tarifvertragskrieg gewinnen muß, wenn er in seinem Kampf gegen Meany überhaupt eine Chance haben will.

Walter Reuther ist von Haus aus auf die Stellung in der Gewerkschaftsbewegung vorbereitet worden, die er seit Jahren einnimmt. Sein Vater – Gewerkschaftsfunktionär in Deutschland – wanderte in die Vereinigten Staaten aus. Walter und sein Bruder Victor (der Chef der internationalen Abteilung der Autogewerkschaft ist), wurden von ihrem Vater bewußt europäisch-gewerkschaftlich erzogen und schon früh mit sozialen und anderen Problemen befaßt. Viele Jahre seiner Jugend arbeitete er in Europa, darunter auch ein Jahr in der Sowjetunion. Einer der Streitgründe mit dem obersten Gewerkschaftschef Meany ist, daß dieser dem vorherrschenden Mißtrauen der amerikanischen Wirtschaft gegen alles, das mit dem Namen Sowjetunion zusammenhängt, zustimmt, während Reuther engere Bindungen zur Sowjetunion nicht ohne weiteres ablehnt. Tatsache ist, daß bisher noch niemand Walter Reuther ernsthaft beschuldigt hat, kommunistische Tendenzen zu haben.

Eine Hoffnung, die Reuther nie verheimlichte, war, daß er Meanys Nachfolger werden will. Der 73jährige Gewerkschaftspräsident hat jedoch ebenfalls nie ein Hehl daraus gemacht, daß er gerade wegen der Meinungsverschiedenheiten mit seinem Stellvertreter nicht daran denke, sich pensionieren zu lassen. Reuther selbst machte seine Hoffnungen zunichte, als er vor einigen Monaten mit großer Fanfare sein Amt als Präsidenten-Stellvertreter niederlegte und als Grund die Meinungsverschiedenheiten mit Meany anführte. Es ist unbestritten, daß Reuther im Falle von Meanys Tod heute nicht die geringste Chance hätte, zu seinem Nachfolger gewählt zu werden. Sein angekündigter Kampf gegen Meany und den Konservatismus der AFLCIO-Führung wird als erster Schritt gewertet, die Linie des führenden Gewerkschaftsapparates seinen Ansichten anzupassen. Sollte Reuther seine Gewerkschaft aus der Zentralorganisation herauslösen, würde das nichts anderes bedeuten, als daß er seine Auffassungen in der Gewerkschaftsführung nicht durchsetzen konnte.

Der 60jährige Walter Reuther zeigt sich privat nicht viel in der Öffentlichkeit. Sein Gehalt bei der Gewerkschaft ist für amerikanische Verhältnisse relativ niedrig – 28 750 Dollar. Meany, dessen Aufgaben als Chef der Zentralgewerkschaft naturgemäß weit vielseitiger sind, bezieht 70 000 Dollar. Reuther hat sein Büro im imposanten modernistischen Automobil-Gewerkschaftsgebäude am Ufer des Detroit-Flusses in der Automobilstadt. Er hat die entscheidenden Zeiten, denen er entgegensieht, durch ein Interview mit einem New-York-Times-Korrespondenten eingeleitet, dem er im Gegensatz zu seiner sonstigen Gepflogenheit auch von seinen privaten Zukunftsplänen erzählte. Nach seiner obligatorischen Pensionierung mit 67 Jahren, meinte er, hoffe er in den USA und im Ausland in College- und Universitätskreisen Vorträge über Sozialfragen halten zu können und sich mit Gruppen von Vereinten-Nationen-Anhängern an der Arbeit für den Frieden“ zu betätigen. Auch mit den Plänen und Hoffnungen pensionierter Menschen, „zu denen ich rein technisch gesprochen dann gehören werde“, wolle er sich im Pensionsalter beschäftigen.

Walter Reuther, das „Wunderkind“, das mit 39 Jahren im Jahre 1946 zum Präsidenten der großen Automobilarbeiter-Gewerkschaft gewählt wurde, hat andere Mißstände überwunden. Vor vielen Jahren, als er schon Gewerkschaftspräsident war, wurde ein Revolverattentat auf ihn verübt, das einen seiner Arme so schwer verletzte, daß die Gefahr voller Lähmung im Arm bestand. Er erreichte durch bemerkenswerte Willensstärke, daß von den Folgen des Attentats, dessen Täter nie entdeckt wurde, praktisch nichts mehr zu merken ist. Seine gesitteteren Feinde, deren er viele hat, bemängeln, daß er in der Vergangenheit nach wortstarken Kämpfen mit Meany und anderen oft doch nachgegeben habe. Sie schrieben das seinen persönlichen Ambitionen zu – seiner Absicht, es sich nicht mit mächtigen Persönlichkeiten, die er vielleicht einmal brauchen könne, zu verderben. Bei den jetzt von ihm begonnenen Auseinandersetzungen gibt es kaum mehr einen Mittelweg. Walter Reuther wird aus ihnen hervorgehen als einer der Männer der Zukunft oder aber als ein geschlagener Mann – ein nobody, auf den kaum noch jemand hören würde. Kurt J. Dosmar