Lieber Freund, seit einiger Zeit bereitest Du mir Kummer. Und bringst mich dauernd in Verlegenheit. Schon weil ich mich so häufig gezwungen sehe, Dich zu verteidigen. Oft gegen mich selbst – und wider besseres Wissen.

Am liebsten würde ich gar nicht an Dich denken, aber wie könnte man das? Du bist ja gar nicht mehr wegzudenken. Durch Dein Benehmen bin ich allmählich in eine heikle Lage geraten, das nehme ich Dir übel. Tut man so was als Freund? Oder ist es Dir gleich geworden, was Deine Freunde von Dir denken? Daß sie zum Beispiel manchmal denken, ob man mit Dir überhaupt noch befreundet sein kann?

Du siehst: man beschäftigt sich sehr mit Dir. So frage ich mich etwa: Warst Du immer so? So stur, selbstgerecht, empfindlich, fanatisch, fast ein bißchen wahnwitzig? Dazu auch etwas brutal und zynisci? Du mußt Dich verändert haben. Damals, als ich Dich kennenlernte, als Du mein Freund wurdest, da warst Du nicht so. Damals war ich, Du erinnerst Dich, in einer recht ungemütlichen Lage. Es ging fast um Kopf und Kragen. Wärest Du nicht im letzten Augenblick erschienen – na, also ich weiß mit, ob ich Dir jetzt diesen Brief schreiben könnte.

Damals habe ich in Dir so etwas wie meinen Retter gesehen. Nicht nur ich. Viele hatten Dir alles zu verdanken. Vergessen haben das wenige, ich geviß nicht. Nicht zuletzt darum habe ich Dein weiteres Wirken mit Anteilnahme verfolgt. Ich bemerkte, wie Du immer mächtiger, immer einflußreicher wurdest. Und dachte beruhigt: bei dem ist die Macht in guten Händen.

Du schienst von besten Absichten beseelt zu sein. Halfst, wo Du konntest; gabst, ohne zu zögern, reichtest jedem, der am Boden lag, die Hand. An Dir konnte sich mancher ein Beispiel nehmen. Auch wurdest Du – diese Rolle lag Dir besonders – ein Verteidiger der Schwachen. Wo sich einer gefährdet glaubte – oder Du ihn gefährdet glaubtest – da sprangst Du ihm zur Seite. Keiner durfte ihn anrühren, sonst bekam er es mit Dir zu tun.

Und dann, wie so oft bei Freundschaften, stellten sich Zweifel ein. Manches fiel mir auf, manches dazu ein. War Deine Hilfe wirklich so selbstlos? War sie in jedem Falle willkommen, wurde sie nicht manchen von Dir aufgedrängt? Zogst Du nicht auch schöne Gewinne aus Deinem Beistand? Und Deine Hilfe – wurde sie gewährt ohne jede Bedingung? Oder mußten Dir Deine Schützlinge Wohlverhalten versprechen, um sie zu bekommen? Gingst Du dabei nicht manchmal recht hemdsärmelig-robust vor, ohne Rücksicht auf die Empfindsamkeit der Schwachen? Wenn Du Deine Interessen dabei verfolgtest – waren es auch immer die ihren? Manch einer schien Dich nicht so zu lieben, wie Du glaubtest, es um ihn verdient zu haben. Wunderte es Dich?

Es ist schlimmer mit Dir geworden inzwischen. Jetzt ist es schon so weit gekommen, daß Du, der Du so stark und mächtig bist, viel kleinere und schwächere blutig schlägst – zu ihrem Besten, versteht sich. Ja, ich weiß: Du hältst Dich zurück, Du könntest so einen Kleinen totschlagen; Du brauchst nur richtig auszuholen. Auf Deine Zurückhaltung hältst Du Dir einiges zugute. Wenn Du sie aber eines Tages aufgeben müßtest, Deine Zurückhaltung; wenn Du dann – vielleicht aus Verzweiflung, vielleicht aus Verblendung – so einen kleinen doch totschlägst? Was soll ich dann sagen? Wie soll ich das erklären? Wie kann man Dich dann noch rechtfertigen? Ich finde, Du bist ein schrecklicher Freund.