Köln

Sie steckten ihn gefesselt zu einem Zwangsbac in die Wanne, aus der sie ihn mit einer klaffenden Kopfwunde abtransportierten. Dei Hauptwachtmeister Heinrich Halfen schloß seine Zelle auf, um ihn die Fäuste des Kalfaktoren-Rollkommandos spüren zu lassen. Sie schlugen, sie traten, sie stießen ihn gegen Zellenwände. Der Unterhaltssünder Karl Hans Hermann (Staatsanwalt Nesseler: „Das ist das Verwunderliche, Herrmann war kein Gewaltverbrecher“) trat das geschundene Opfer wuchtig in den Leib, schlug ihm die geballten Hände ins Gesicht und schleuderte ihn gegen die Mauer, „daß es sich anhörte, wie wenn man eine Katze gegen die Wand schlägt“ – so ein Zeuge.

Am 22. Juli 1964 starb der so behandelte Untersuchungsgefangene Anton Wasilenko, 36 Jahre, im dunkel-kalten Verlies einer B-Zelle des Klingelpütz-Lazaretts. Kreislauf und Herz hätten versagt, dokumentierte Regierungsmedizinalrat und Nervenarzt Dr. Walter Schramm auf dem Totenschein.

Ein Jahr später alarmierte der entlassene Lazaretthausarbeiter Josef Hamacher den Kölner „Expreß“: „Es sind Gefangene gestorben. Ärzte sind die Schuldigen.“ Im Laufe der angestellten Recherchen stellt die Kindererzieherin Katharina Wasilenko, Witwe des Klingelpützopfers, Strafantrag gegen den Sanitätsdienstleiter und Oververwalter Hubert Naudet und den Hauptwachtmeister Willy Fuchs wegen des Verdachts der „Körperverletzung mit Todesfolge“. Gleichzeitig gibt jene Kölner Zeitung den Startschuß zur unvorhergesehenen Eskalation des Klingelpützskandals, der zu 131 Ermittlungsverfahren bei der Staatsanwaltschaft geführt hat.

Heute, nach knapp zweijährigen Ermittlungen, nach einer Exhumierung des toten Wasilenko (Befund: Schädelbruch, Rippenbruch, Augenhämatom) hält die Witwe einen Einstellungsbescheid der Kölner Staatsanwälte in Händen: „... Als Ermittlungsergebnis konnte zwar festgestellt werden, daß ... Anton Wasilenko, gegen den wegen seines widersetzlichen Verhaltens häufig unmittelbarer Zwang angewendet werden mußte, in mehreren Fällen über das erlaubte Maß von seinen Mitgefangenen, die als sogenannte Hausarbeiter eingesetzt waren, mißhandelt worden ist. Jedoch ließ sich nicht klären, ob sein Tod auf solche strafbaren Übergriffe zurückzuführen ist.

Wenn die im Verlaufe der Ermittlungen erhobenen Befunde an der Leiche den Verdacht nahelegen, daß er infolge solcher Mißhandlungen eine zum Tode führende Verletzung davongetragen hat, so wurde dieser Verdacht nicht in der Weise bestätigt, daß es zur Erhebung der öffentlichen Anklage wegen Körperverletzung mit Todesfolge ausreichte.“

Wegen „Körperverletzung ohne Todesfolge“ werde hingegen fleißig weiterermittelt, versichert die Anklagebehörde. Im übrigen sei der Hauptwachtmeister Halfen bereits im großen Klingelpützprozeß des letzten Winters verurteilt worden, weil er seine Schlägergarde auf Wasilenko angesetzt habe (Halfen hat Revision eingelegt).