Knut Nevermann: Der 2. Juni 1967. Studenten zwischen Notstand und Demokratie – Dokumente zu den Ereignissen anläßlich des Schah-Besuchs. Herausgegeben vom Verband Deutscher Studentenschaften (VDS). Pahl-Rugenstein Verlag, Köln. 151 Seiten, 3,– DM.

Auf seine Art hatte Ex-Bundeskanzler Erhard durchaus etwas Richtiges getroffen mit seiner Bemerkung vom „Ende der Nachkriegszeit“: Die Bundesrepublik Deutschland ist dabei, das zu werden, was sie immer schon war, ohne es wissen zu wollen, nämlich die Bundesrepublik – und nicht mehr das zu sein, was sie glaubte zu sein, nämlich Provisorium und Kernstaat späterer Wiedervereinigung. Was an strukturellen und politisch-psychologischen Grundlagen im ersten Nachkriegsjahrzehnt geschaffen, was beibehalten oder restauriert wurde, das beginnt nun, sich zu formieren und zu realisieren. Hier und da hatten Kritiker am Rande der etablierten Öffentlichkeit vor einer Entwicklung gewarnt, die weg von der Demokratie und hin zum autoritären Obrigkeitsstaat führe. Ihren scheinbar nur theoretischen Befürchtungen gab der 2. Juni 1967 schlagartig recht.

Knut Nevermann ist es ebenso wie dem Verlag zu danken, daß sie die vielen Berichte, Reden und Stellungnahmen aus den Tagen nach der Erschießung eines politischen Demonstranten durch einen Westberliner Polizisten so schnell gesammelt und publiziert haben. Dieses Buch dokumentiert das politische Erwachen jener bislang fast nur latenten, nun aber erstaunlich reaktionsschnellen, kritischen, liberalen Minorität an nahezu allen Hochschulen und Universitäten der Bundesrepublik und Westberlins. Die Dokumentation wird, wenn auch nicht an Umfang und editorischer Gründlichkeit, so doch an politischem Gewicht neben der zweibändigen Dokumentation über die „Spiegel“-Affäre Bestand haben und zu zitieren sein.

Nevermann beschränkt sich bewußt auf Äußerungen von Studentenvertretern, Assistenten und Professoren. Eine umfassende Dokumentation der gesamten Presseöffentlichkeit und der Stellungnahmen der Politiker, die hier nur für Westberliner auszugsweise im Anhang geliefert werden, dürfte auf das Panorama bundesrepublikanischen Selbst- und Demokratieverständnisses ein erhellendes Schlaglicht werfen. Diese Zusammenstellung demonstriert, daß die jahrelangen „Vorarbeiten“ vieler Engagierter in Arbeitskreisen, Vortragsveranstaltungen und Podiumsdiskussionen zur Notstandsgesetzgebung sich plötzlich auszahlten: kaum einer, der nicht einen Zusammenhang zwischen praktiziertem „Notstand“ in Westberlin am 2., 3. und 4. Juni und den später legalen Möglichkeiten einer sich innenpolitisch bedroht fühlenden Exekutive herstellte; kaum einer, der nicht seinen Zuhörern klarmachen wollte, daß hier mehr geschehen sei als nur ein untypischer Betriebsunfall.

Ob die kritische Minorität, deren Erwachen hier dokumentiert wird, stark genug ist, Wiederholungen solcher Zwischenfälle zu verhindern, bleibt abzuwarten; solange sie nur auf die Universitäten beschränkt ist, dürfte das zweifelhaft sein. Aber Anzeichen zur Verbreiterung der Basis dieser demokratischen Protestbewegung finden sich bereits in diesem Band: einzelne Gewerkschaftsorganisationen und evangelische Kirchenleitungen haben sich offen auf die Seite der Studenten geschlagen. Ekkehart Krippendorff