Welles Hangen: DDR. Der unbequeme Nachbar. Aus dem Amerikanischen von Helmut Degner. Piper Verlag, München. 219 Seiten, 11,80 DM.

Bücher, die ein sachliches Verständnis für die DDR bewirken sollen, gibt es mittlerweile eine ganze Menge. Schade um jedes von ihnen, das erst jetzt erscheint, zu einer Zeit, da man sich selbst in Bonn dem gesamtdeutschen Problem mit rationaleren Kategorien zu nähern beginnt!

Das vorliegende Buch des langjährigen deutschen Korrespondenten von NBC, Welles Hangen, ist für Amerikaner geschrieben. Es enthält zahlreiche aufklärende Passagen, die dem deutschen Zeitungsleser nichts Neues bringen. Nützlich sind jedoch jene Informationen, die der Verlasset auf seinen DDR-Reisen aus erster Hand erhielt. Was er z. B. über die Erfolge und Probleme der Industriereform mitzuteilen hat, ist lesenswert. Nicht weniger informativ ist das Kapitel über die Situation der Landwirtschaft.

Erfrischend ist das nach beiden Seiten hin kritische, von Apologie und stereotypen Vorwürfen freie Urteil des Autors. Beachtung verdient auch seine Anti-Neutralisierungs-These: „Die Viertelmillion amerikanischer Soldaten, die heute in Westdeutschland stehen, scheinen zur Neutralisierung dieses Landes noch eher beizutragen als irgendwelche vertraglichen Vereinbarungen zwischen den Großmächten ... Den Russen ist eine von den Amerikanern im Zaum gehaltene Bundesrepublik wesentlich lieber als ein sich gegen eine aufgezwungene illusorische ‚Neutralität‘ auflehnendes Gesamtdeutschland.“

Mängel weist der Bericht Hangens da auf, wo er Informationen aus zweiter Hand weitergibt. So war es wohl kaum das „neue ökonomische System, für das Erich Apel sein Leben hingab“. (An anderer Stelle heißt es statt dessen, daß das langfristige Handelsabkommen mit Sowjetrußland den Planungschef zum Selbstmord trieb.) Auch die Spekulationen über Apels „Testament“ sind durch die angeführten vagen westlichen Informationen kaum gerechtfertigt. Unrichtig ist, daß Lotte Ulbricht Mitglied des ZK sei. Auch kann Erich Honecker 1966 nicht stellvertretend für Ulbricht „die Leitung der Regierung“ übernommen haben, da er ihr nicht angehörte.

Verwundern müssen die kritischen Bemerkungen des Autors über die Nichtanerkennung der Oder-Neiße-Grenze und die terminologische Verkrampfung bei der Bezeichnung des anderen Landesteils, wenn er selbst bis zu achtmal auf einer Seite (!) das Wort „mitteldeutsch“ gebraucht. („Die Mitteldeutschen haben inzwischen eine Allergie gegen die Bezeichnung ‚Zone‘ entwickelt.“) Da dieser Ausdruck in Amerika nahezu unbekannt ist und der Verfasser das dort gebräuchliche Wort „Ostdeutschland“ nie verwendet – DDR sagt er selbst im Titel –, muß der Verdacht aufkommen, der Übersetzer oder welche Verlagsinstanz auch immer, habe dem Autor hier eine Art deutscher Verbal-„Politik“ vorexerziert, die er als Ausländer mit Recht komisch findet. Martin Jänicke