Nicht der Anisschnaps Uso, nicht Citron vonNaxos, nicht Retsina-Wein vermögen die Griechen zu ermuntern, es liegt eine unheilvolle Ruhe über Hellas. Mitte Juli stellte ich im Norden, in der Gegend von Saloniki (Ortsnamen werden hier nicht genannt) zum erstenmal vorsichtig die Frage, ob man noch Musik von Mikis Theodorakis spielen dürfe. Die Frage wurde gerichtet an eine Gruppe junger Leute. Wir saßen auf der Terrasse einer Taverne am Thermäischen Golf, man hatte Gitarre gespielt und gesungen, die Antwort nach einigen Minuten der Verwirrung und Diskussion war zurückhaltend und höflich, doch deutlich gewesen: Diese Musik sei verboten.

Nicht als agent provocateur, nicht als Advokat des Teufels, sondern als an administrativen Dingen interessierter Zeitgenosse aus einem Land, das den Faschismus hinter sich hat, versuchte ich festzustellen, auf welche Weise ein solches sinnwidriges Gebot, welches Musik aus Gründen der Parteizugehörigkeit ihres Autors verbietet, praktisch durchgesetzt wurde und wie die Bewohner des Landes darauf reagierten.

Den Fragen, die in Thessalien oder Attika auf deutsch, englisch oder französisch gestellt werden, bringt man auch jetzt noch weniger Mißtrauen entgegen als solchen in der Landessprache, und doch reagierten die Griechen mit Vorsicht, mit Schweigen, mit Achselzucken, mit Flüstern, mit gekreuzten Handgelenken, als wolle man Handschellen demonstrieren. Oft genug ließ ich mich täuschen, wenn aus dem Radio oder dem Musikautomaten Lieder erklangen, die „Sorbas le Grec“ ähnelten. Es gibt davon verwirrend viele: ähnlich in diesem seltsam schönen Stackatorhythmus, der Steigerung des musikalischen Pathos, der Saiteninstrumentation, in dem sich Orient, Hellas und Kreta treffen.

Auf eine Insel denn: erst in der Ägäis erschließt sich Griechenland ganz. Auch hier die Tavernen am kristallgrünen Meer, es gibt Retsina und Ziegenkäse, Uso und Oliven, Wassermelone, türkisches Gebäck. Der erste angetrunkene Grieche, den wir in einem Monat gesehen hatten, ein Bauer oder Arbeiter, der erste dem Dionysos zugefallene Berauschte, der uns in einem Volke begegnete, das bei allem Zuspruch zu Alkoholika das Maß zu wahren weiß, er war auch der erste, der das neue Regime lobte. Sonntag, der Tavernenwirt stellt dem Manne einen Stuhl hin, heißt ihn hinaufsteigen und eine Rede halten – alles mit jener Pose der Scheinheiligkeit und versteckter Ironie, die der Wirt bis zur Vollkommenheit beherrschte. „Griechen!“ rief der Berauschte. „Ich habe 1940 in Albanien gegen die Italiener gekämpft, ich bin Patriot, wir alle sind Patrioten, und ich unterstütze mit ganzem Herzen unsere neue Regierung!“ Sprach’s, stieg vorsichtig vom Stuhl herab und ging, irgendwo seinen Rausch auszuschlafen, und er wird nicht mehr gehört haben, wie aus der Musikbox der „Sirtaki“ tönte. „Sorbas le Grec“ stand auf dem Schildchen im Apparat und darunter der Name des verbotenen Komponisten.

Man lauschte, zeigte keine besondere Reaktion. Apathie oder Selbstbeherrschung? War das Verbot dieser Musik nicht bis hierher gedrungen? War hier die Polizei weniger wachsam als anderswo? Kümmerte man sich nicht um Verbot und Strafe? Wir fragten: gekreuzte Handgelenke waren die Antwort, das Wort „communiste“ fiel, man nickte mit dem Kopf und wußte Bescheid, und ratlos blieb der Fremde zurück. Widerstand? Nur nicht insistieren mit seinen Fragen und den Beweis eines Standpunkts provozieren, nur nicht jemanden festlegen oder in Verlegenheit bringen – die harten Konturen der KZ-Insel Giaros, an der wir nahe vorbeigefahren waren, die braunen kalten Felsen bar jeder nennenswerten Vegetation, bar jeder Ansiedlung, waren noch scharf und drohend im Gedächtnis.

„Is this the Island where the prisoners are?“ hatte ich einen jungen Matrosen der griechischen Kriegsmarine gefragt, der in Zivil auf Urlaub war, und die leise Antwort eines Mannes, der weiß, daß die Griechen viel erdulden, bis ihnen eines Tages die Geduld ausgeht, war gewesen: „Yes.“ Kein Pathos, kein Aufbegehren in der Stimme, aber auch keine Resignation. Fragen und Antworten. „Die Kommunisten, die im Gefängnis sitzen, gingen das übliche Berufsrisiko der Politiker ein.“ Das klang, etwas zynisch, nach einer Einstellung, die zufrieden damit ist, die eigene Haut gerettet zu haben. „Es herrscht Ruhe und Ordnung.“ Wie oft hörte man dies, halb entschuldigend, halb ohnmächtig: „Es gibt keine Freiheit.“ Auch dies hörte man geflüstert: „Faschisten.“

Auf einem felsigen Eiland, in der Ägäis, in einem Felsenhort wie einem Schlupfwinkel aus Piratenfilmen trifft der fremde Besucher eine dem griechischen Nationalhelden Glezos nahestehende Person; in sechs Monaten, hört man mit einer Mischung von Ungläubigkeit und Bewunderung, könne es hier so aussehen wie jetzt in Vietnam, es sei von Saloniki bis Athen, von Samos bis Korfu ein offenes Geheimnis, daß eine gewisse ausländische Macht die Militärregierung halte, und wer beispielsweise in Saloniki gewisse Jeeps im Stadtkern herumfahren sehe, werde sich seine Gedanken machen müssen. Von jener Person erfahre ich noch, Mikis Theodorakis halte sich außerhalb des Landes auf, und zwar in Italien. Auch darüber machte man sich seine Gedanken, und das war Anfang August.