Theorien über ein zeitgemäßes Thema

Otto Bauer, Herbert Marcuse, Arthur Rosenberg u. a.: Faschismus und Kapitalismus. Theorien über die sozialen Ursprünge und die Funktion des Faschismus. Herausgegeben von Wolfgang Abendroth. Eingeleitet von Kurt Kliem, Jörg Kammler und Rüdiger Griepenburg. (Politische Texte. Herausgegeben von Wolfgang Abendroth, Ossip K. Flechtheim und Iring Fetscher.) Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt a. M., Europa Verlag, Wien; 188 Seiten, kartoniert 12,– DM.

Wer könnte nach dem Putsch in Griechenland noch länger behaupten, daß der Faschismus nur noch ein Gegenstand des historischen Interesses sei? Allein die Emotionen, die das Wort „Faschismus“ in der aktuellen weltpolitischen Auseinandersetzung hervorruft, zwingt dazu, den Aussagewert dieses Begriffs zu prüfen. Diesem Zweck dient in vorzüglicher Weise die hier angezeigte Sammlung von unorthodox-marxistischen Beiträgen zu einer Theorie des Faschismus.

Alle Aufsätze stammen aus den zwanziger und dreißiger Jahren. Alle Autoren geben sich mit der offiziösen Definition des Faschismus durch die Komintern nicht zufrieden, für die der Faschismus nichts anderes ist als die „offene terroristische Diktatur der am meisten reaktionären und chauvinistischen imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“. Alle Autoren jedoch schließen sich der Einsicht Max Horkheimers an, die dem Buch als Motto vorangestellt ist: „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.“ Der grundlegende Unterschied zwischen den Methoden dieser Theoretiker und denen der meisten konservativen und liberalen Kritiker des Faschismus ist damit bezeichnet: er leitet sich ab aus den geistigen Traditionen der europäischen Arbeiterbewegung, gegen die der Faschismus den Hauptstoß seines Angriffs richtete.

Mächtige Verbündete

Ursprung, Wesen und Funktion der faschistischen Bewegungen des zwanzigsten Jahrhunderts zu erklären: das ist der Sinn einer Theorie des Faschismus, die über die bloße Beschreibung einzelner Erscheinungsformen hinausgeht. Im Osten wird, wie die Verfasser der Einleitung mit Recht betonen, eine solche Theorie durch das Festhalten an der überkommenen Definition des Faschismus verhindert. Im Westen ist es vor allem der Totalitarismusbegriff, der eine „wenigstens theoretische Bewältigung des Faschismus blockiert“. Eieser Begriff soll die wesentlichen Strukturmerkmale der kommunistischen wie der faschistischen Herrschaftsordnung zusammenfassen, die gleichermaßen als Abweichungen vom Modell einer westlich-parlamentarisch verfaßten Gesellschaft angesehen werden. So sehr man die Ergebnisse dieser Betrachtungsweise für die Erkenntnis von Herrschaftsapparaten, würdigen muß – zur Einsicht in die Verschiedenheit der sozialen Ausgangslage, der Ziele und der geschichtlichen Entwicklung von Kommunismus und Faschismus hat die Totalitarismusforschung wenig beigetragen. Sie ist, mit einem Wort, zu statisch.

Von der kommunistischen Faschismustheorie entfernt sich in der vorliegenden Sammlung der Historiker Arthur Rosenberg noch verhältnismäßig wenig. Für ihn verkörpert sich der Faschismus im „gegenrevolutionären Kapitalisten, dem geborenen Feind der klassenbewußten Arbeiterschaft“. Die Mittelschichten, in denen auch er die entscheidende soziale Basis aller faschistischen Bewegungen sieht, wären seinem Urteil zufolge in Deutschland und Italien um 1918/19 durchaus bereit gewesen, eine sozialistische Umwälzung zu unterstützen. Erst als sich in beiden Fällen die Sozialisten unfähig zeigten, ganze Arbeit zu machen, hätten sich diese Schichten wieder von ihnen abgewandt. Wer die lange antidemokratische Tradition im deutschen Mittelstand verfolgt, wird dieser These zumindest nicht pauschal zustimmen können und auch die Wahlergebnisse von 1919 anders deuten als Rosenberg. Aber es trifft sicherlich zu, daß die bürgerliche Demokratie von den Mittelschichten nicht aus eigener Kraft zerstört werden konnte. Sie bedurften dazu mächtigerer Verbündeter.