In Rio treffen sich die Notenbankpräsidenten aus 102 Ländern

Im Museum für Moderne Kunst von Rio de Janeiro treffen sich vom 25. bis 29. September die Männer, die die Verantwortung für die Währungen der freien Welt tragen. Die Vertreter von 102 Ländern und deren Notenbankpräsidenten werden auf der Jahrestagung der Weltbank und des Internationalen Währungfonds zu entscheiden haben, ob die Währungsreserven zur Finanzierung des steigenden Welthandels ausreichen oder ob entsprechend den Vorschlägen der Stellvertretergruppe des sogenannten Zehner-Clubs zusätzliche internationale Liquidität geschaffen werden soll. Der Club der Zehn (wichtigsten Industrienationen der freien Welt) wird in Rio de Janeiro ein wichtiges Wort zu sagen haben, denn seine Mitgliedsländer werden es sein, die gegebenenfalls die Hauptlast der zusätzlichen Liquidität zu tragen haben. Sie sind es auch, die immer dann eingreifen, wenn eine Währung durch politischen oder wirtschaftlichen Druck in die Gefahr einer Abwertung gerät.

Die Männer, die wir auf diesen Seiten abgebildet haben, sind die wichtigsten Bankiers der westlichen Welt. Sie sind die vielen Menschen unbekannten Wächter eines Apparates, der das größte Wachstum des Welthandels ermöglicht hat, den es je gegeben hat. Dank ihrer gemeinsamen Bemühungen, zum Teil in der Öffentlichkeit, zum Teil im Verborgenen, können Geschäftsleute außerhalb ihres eigenen Landes mit einiger Sicherheit exportieren und investieren in der Gewißheit, daß die ausländische Währung auch im nächsten Jahr noch das gleiche wie in diesem wert sein wird. In den vergangenen drei Jahren ist es den vereinten Anstrengungen der Notenbanken gelungen, drei gefährliche Attacken auf das Pfund Sterling zurückzuschlagen. Früher hätte ein solcher Angriff allein genügt, um die Bank von England zu sprengen und damit eine weltweite Krise auszulösen. Aber die Rettung des Pfundes, so aufsehenerregend sie auch gewesen sein mag, ist nur eines der vielen Gefechte in dem immerwährenden Kampf um die Stabilität des westlichen Währungssystems, die durch den dauernden Wechsel zwischen nationalen Zahlungsbilanzdefiziten und -Überschüssen bedroht wird.

Hüter der Stabilität

In ihren eigenen Ländern üben diese Männer einen massiven und mäßigenden Einfluß auf ihre Regierungen aus. Da ihre wichtigste Aufgabe die Stabilität der eigenen Währung ist, müssen die Notenbankpräsidenten jederzeit bereit sein, allzu freigiebige Politiker zu mahnen, wenn sie geneigt sind, nach dem Motto „Fliege jetzt, zahle später“ zu handeln. „Die erste Pflicht eines Notenbankpräsidenten“, sagt Dr. Guido Carli, Gouverneur der Banca d’Italia, „ist es, kaltes Blut zu bewahren.“ Carli befolgte sein eigenes Rezept im Jahre 1963. Er überzeugte seine Regierung von der Notwendigkeit eines harten Sparprogramms, um dadurch Italiens Zahlungsbilanzdefizit mit geradezu atemberaubender Geschwindigkeit in einen Überschuß zu verwandeln. Zwei Jahre lang forderte Lord Cromer als Gouverneur der Bank von England eine stärker restriktive und deflationäre Politik, als die Regierung Wilson zu befolgen bereit war. Die Rettungsmaßnahmen, die schließlich im Juli dieses Jahres ergriffen wurden, sind auf den beharrlichen Druck zurückzuführen, den der Nachfolger Lord Cromers, Leslie O’Brien, in vertraulichen Gesprächen auf den Premierminister ausübte.

Der westdeutsche Bundesbankpräsident Karl Blessing hat neben einer anti-inflationären Kreditpolitik über Monate hin Bundeskanzler Erhard zu härteren Stabilisierungsmaßnahmen gedrängt. In den Niederlanden haben im letzten Mai massive Warnungen des Notenbankpräsidenten Marius Holtrop entscheidend mitgeholfen, die unentschlossene Regierung zur Einleitung eines deflationären Programms zu bewegen. Und in den USA haben die Gouverneure des Notenbanksystems zuerst ihren bremsenden Einfluß gegen die auf Expansion gerichtete Wirtschaftspolitik geltend gemacht. In jedem Fall aber hat die Solidarität der Notenbanken, die sie zum Gewissen der Währungspolitik der westlichen Welt gemacht hat, den Einfluß der Notenbankpräsidenten auf ihre Regierungen gestärkt.

Notenbankpräsidenten lieben keine dramatischen Worte; sie haben aber alle eine lebendige Erinnerung an vergangene Katastrophen, und sie sind eisern entschlossen, dafür zu kämpfen, daß sich Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen. Ihr Alptraum ist die große Depression, die nie so tief- und so weitgreifend in ihren Auswirkungen gewesen wäre, hätte nicht jede der damaligen Regierungen für sich allein nach dem Motto gehandelt „Rette sich, wer kann“. Karl Blessing, der damals in der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) tätig war und den Schaden aus nächster Nähe erlebte, begründet die dringende Notwendigkeit einer engen Zusammenarbeit folgendermaßen: „Es wäre das Schlimmste, was passieren kann, wenn eine monetäre Situation, wie sie Anfang der dreißiger Jahre bestand, die Länder zur Einführung der Devisenbewirtschaftung und Handelsrestriktionen zwingen würde. Alle bereits erreichten Fortschritte der Liberalisierung würden hierdurch wieder zunichte gemacht.“ George Ellis, Präsident der Notenbank von Boston, meinte, daß der wichtigste Gewinn der letzten zehn Jahre die Erkenntnis der gegenseitigen Abhängigkeit gewesen sei und die Überzeugung, daß die Nationen sich gegenseitig bei der Erhaltung des gegenwärtigen internationalen Währungssystems unterstützen müssen.