Von Isaac Deutscher

Welche Bedeutung hat die russische Revolution für unsere Generation und Epoche? Hat die Revolution die von ihr erweckten Hoffnungen erfüllt oder enttäuscht? Daß man diese Fragen, nachdem nun ein halbes Jahrhundert seit dem Sturz der Zarenherrschaft und der Bildung der ersten Sowjetregierung vergangen ist, aufs neue stellt, ist nur natürlich. Die Zeitspanne, die zwischen uns und diesen Ereignissen liegt, scheint für eine historische Perspektive groß genug zu sein. Andererseits kommt uns diese Spanne zu kurz vor. Diese Epoche ist in der modernen Geschichte die an Ereignissen und umstürzenden Veränderungen reichste gewesen. Die russische Revolution hat viel tiefere Probleme aufgeworfen, weit heftigere Konflikte heraufbeschworen und ungemein stärkere Kräfte entfesselt als irgendeine der sozialen Umwälzungen der Vergangenheit. Und diese Revolution ist noch nicht zu Ende. Sie ist noch immer in Bewegung. Sie kann uns noch immer durch ihre scharfen und plötzlichen Wendungen überraschen. Sie vermag noch immer neue Perspektiven zu entwerfen. Wir betreten Boden, den zu betreten Historiker sich entweder überhaupt scheuen, oder den sie nur mit Scheu betreten.

Da wäre zunächst die von uns allen als selbstverständlich hingenommene Tatsache, daß die Männer, die zur Zeit die Sowjetunion beherrschen, sich als die legitimen Nachkommen der bolschewistischen Partei von 1917 vorstellen. Man sollte das jedoch schwerlich so ohne weiteres als erwiesen betrachten. Dafür gibt es in keiner der modernen Revolutionen, die sich mit der russischen vergleichen lassen, einen Präzedenzfall. Keine von ihnen dauerte ein halbes Jahrhundert. Keine von ihnen wahrte hinsichtlich der politischen Institutionen, der wirtschaftlichen Maßnahmen, der Gesetzgebung und der ideologischen Grundsätze, wie eingeschränkt auch immer, eine vergleichbare Kontinuität.

Allein ihre Dauer scheint die russische Revolution zu etwas ganz anderem zu machen als einer lediglich neuen Erscheinung dieses klassischen historischen Zyklus’. Es ist unvorstellbar, daß Rußland je die Romanows zurückrufen wird, und sei es auch nur, um sie ein zweites Mal zu stürzen. Wir können es uns ebensowenig vorstellen, daß der russische Landadel wie der französische zur Zeit der Restauration zurückkommen würde, um den Grundbesitz zurückzufordern, den man ihm genommen hatte, oder um eine Entschädigung dafür zu verlangen.

Die Revolution scheint alle Kräfte einer möglichen Restauration überlebt zu haben. Nicht nur die Parteien des ancien régime, auch die Menschewisten und Sozialrevolutionäre, die zwischen Februar und Oktober 1917 die politische Bühne beherrschten, haben längst selbst im Exil und sogar als Schatten ihrer selbst zu existieren aufgehört. Nur die Partei, die in der Oktoberrevolution gesiegt hat, übt noch immer ihre proteische Macht aus, indem sie das Land unter der Fahne und den Symbolen von 1917 beherrscht.

Das Grab an der Kremlmauer

Aber ist es noch dieselbe Partei? Können wir wirklich von der Kontinuität der Revolution sprechen? Offizielle Sowjetideologen behaupten, daß die Kontinuität niemals unterbrochen worden ist. Andere sagen, daß sie lediglich als äußere Form bewahrt wurde, als eine ideologische Hülle für Realitäten, die nichts mit den hohen Zielen von 1917 gemein haben. Die Wahrheit scheint mir komplizierter und zwiespältiger zu sein, als diese beiden entgegengesetzten Behauptungen unterstellen.