Von Robert Jungk

Ronneby/Schweden, im September

Im Sommer 1944, fast am gleichen Tage, als die Reaktoren und Isotopentrennungsanlagen des riesigen amerikanischen Rüstungslaboratoriums Oak Ridge die ersten winzigen Mengen atomaren Sprengstoffs lieferten, wurde einem der dort arbeitenden jungen Forscher der erste Sohn geboren. „Heute steht mein Junge bei unseren Streitkräften in Vietnam, um in einem tragischen unbegreiflichen Krieg mitzukämpfen.“ Mit diesen Worten begann Professor Harrison Brown, jetzt „Außenminister“ der amerikanischen Akademie der Wissenschaften, sein Referat vor den rund zweihundert Teilnehmern der 17. Pugwash-Konferenz, die in diesem Jahr in dem schwedischen Kurort Ronneby stattfand.

Dreiundzwanzig Jahre sind seit der Gewinnung des ersten Kernspaltmaterials vergangen, zehn Jahre, seitdem sich die ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewußt gewordenen Wissenschaftler in dem kanadischen Fischerstädtchen Pugwash zusammensetzten und damit die lange Reihe ihrer Beratungen begannen. Aber es kam bei diesem siebzehnten Treffen keine festliche Stimmung auf. Die Bilanz zeigt, daß der Rüstungswettlauf trotz aller Warnungen der Forscher aus Ost und West nicht nachgelassen hat, sondern sich gewaltig intensivierte, während gleichzeitig der Abgrund zwischen reich und arm in der Welt weiter aufgerissen wurde als bisher.

Browns Plan, einen mit jährlich 20 Milliarden Dollar gespeisten Weltfonds für wirtschaftliche Entwicklung einzurichten, fand daher weniger Beachtung als die Ausführungen eines lateinamerikanischen Professors, der an Hand einer Überfülle von Beispielen zeigte, welches bisherige Schicksal ähnlicher „edler Initiativen“ gewesen sei. Nicht nur habe der Weltmarkt durch Druck auf die Rohstoffpreise den sogenannten Entwicklungsländern in den letzten Jahrzehnten mit der linken Hand weit mehr genommen, als ihnen mit der rechten Hand gegeben worden sei, sondern zudem sei das Geld der „haves“ auch noch in die falschen Taschen geflossen. Nur eine radikale Kontrolle der internationalen Marktmechanismen und eine tiefgreifende Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen in den Entwicklungsländern könne die fortschreitende Verelendung der „Dritten Welt“ verhindern.

Dies war nur einer der vielen Momente der Tagung von Ronneby, in denen Vision und Wirklichkeit, Hoffnung und Furcht hart aufeinanderstießen. Während bei früheren Pugwash-Konferenzen Vorschläge für eine vernünftigere und sichere Weltordnung den Hauptakzent setzten, waren es diesmal die Stimmen der Kritiker und Skeptiker. Sie brachten es schließlich in der letzten Sitzung zuwege, ein im Auftrage des Sekretariats ausgearbeitetes festschriftartiges Manifest zum zehnjährigen Bestehen der Pugwash-Bewegung, das von allzuviel wohlgemeinten Phrasen wimmelte, zu Fall zu bringen. Statt dessen wurde dann über Nacht eine konkretere, härtere Erklärung ausgearbeitet, in der die Unruhe der meisten Teilnehmer über die Verschlechterung der Weltlage deutlicher zum Ausdruck kam.

Es ist wenig wahrscheinlich, daß diese Erklärung, die Protokolle der sieben Arbeitsgruppen und die über sechzig vorgelegten „Papiere“, in denen vor allem Fragen der Abrüstung, der internationalen Zusammenarbeit und der Verantwortlichkeit der Wissenschaftler behandelt wurden, schon bald sichtbare Wirkungen zeitigen werden. Die Öffentlichkeit scheint „Pugwash“ vorläufig abgeschrieben zu haben; davon zeugte die geringe Beachtung, welche die Massenmedien der Konferenz schenkten. Trifft Ähnliches auch für Staatsmänner und Politiker zu? Es wurden auf der Tagung bittere Stimmen laut, die meinten, die ganze angestrengte Tätigkeit, die während der hundertzwanzig Konferenzstunden von einigen Dutzend der höchstqualifizierten „Gehirne“ der Welt (darunter eine stattliche Anzahl von Nobelpreisträgern) ausgeübt wurde, werde ohne Wirkung verpuffen. Man solle daher doch einmal mit wissenschaftlicher Akribie überprüfen, wie stark eigentlich der Energieverlust der von Pugwash entwickelten „Anstöße“ bei ihrer Übertragung auf die politische Maschinerie sei.