Solange es die Große Koalition gibt und das Wahlrecht nicht verändert wird, ist die FDP nicht umzubringen – es sei denn, sie besorgt es selber. Und sogar das ist nicht ganz einfach. Trotz der scheinbar selbstmörderischen Richtungskämpfe auf dem Parteitag in Hannover schneidet die FDP bei demoskopischen Umfragen heute besser ab als vor dem Parteitag. Die Große Koalition sorgt immer für soviel Unzufriedenheit, daß eine kleine Partei davon leben kann. Das einzig sichere Mittel, die Opposition völlig zugrunde zu richten, besteht darin, sie der Lächerlichkeit preiszugeben, und die Führer der FDP haben es mit dieser Methode schon weit gebracht.

Vor einigen Wochen besaßen die Freien Demokraten drei Politiker, die für die Führung ernsthaft in Frage kamen: Mende, Weyer und Scheel. Mende, zermürbt von seinen Gegnern, hat eine hochbezahlte Managerfunktion in einer internationalen Investment-Firma übernommen. Als er dieses Angebot bereits in der Tasche hatte, versicherte er, er werde für den Parteivorsitz kandidieren. Weyer unterstützte ihn, um Scheel abzublocken und indem er verkündete, er habe keinen Ehrgeiz, nach Bonn zu gehen. Scheel wiederum, der sich eben noch im „Stern“ als „der Mann nach Mende“ hatte feiern lassen, wich dem Kampf aus und ließ sich mit dem zweiten Platz und dem Amt des Bundestagsvizepräsidenten abfinden. Wenig später zog Mende seine Kandidatur zurück.

Überzeugender können Politiker kaum beweisen, daß die Parteiführung nicht ihr Metier ist. Der eine geht resigniert in die Wirtschaft, der andere möchte am liebsten in der Provinz bleiben, und der dritte scheut den Kampf. Oppositionsführer stellt man sich anders vor.

Diese Situation ist besonders bitter, weil die FDP-Fraktion – die letzte Bundestagsdebatte hat es gezeigt – inzwischen Achtung und Ansehen gewonnen hat. Die Fraktion der Liberalen war es, die schon in den Anfangsmonaten der Großen Koalition, als die Parteiführung praktisch nicht existent war, die Fahne hochgehalten hat. Sie ist jetzt der einzige Aktivposten der Partei, das einzig wirklich funktionsfähige Organ. Sie hat inzwischen soviel Eigendynamik entwickelt, daß sie auch einen schwachen oder bequemen Parteivorsitzenden verkraften kann. Eines aber ist unerträglich: eine Parteiführung, deren Mitglieder sich gegenseitig abwerten und lächerlich machen.

Im Augenblick ist fast jede Lösung der Führungskrise besser als das Fortdauern dieses Zustandes. Ob nun Scheel oder Weyer Vorsitzender wird, ist nicht einmal so wichtig. Entscheidend ist, daß schnell gehandelt wird. Was die Chancen angeht, so sind die Weyers wohl besser, sofern er wirklich den Absprung von Düsseldorf wagt.

Daß Eile geboten ist, scheint inzwischen auch die Partei gespürt zu haben. Es wäre deshalb nicht überraschend, wenn der Bundesvorstand sich noch in dieser Woche auf einen Kandidaten einigte. Aber ist es damit getan? Wer immer vom Bundesvorstand vorgeschlagen wird – bis zum nächsten Parteitag ist er nicht Parteiführer, sondern nur Anwärter. Und solange er nicht ordnungsgemäß gewählt ist, wird zwangsläufig seine Eignung diskutiert und von manchen auch bezweifelt werden. Die Gefahr besteht, daß er bis zu dem geplanten Parteitag im Januar nächsten Jahres noch weiter abgewertet wird und daß die Partei bis dahin nicht zur Ruhe kommt.

Die sauberste Lösung wäre es deshalb, wenn möglichst schnell ein außerordentlicher Parteitag einberufen würde, dessen Tagesordnung sich auf einen einzigen Punkt beschränkt: Wahl der Parteiführung. Das mag nach den Satzungsvorschriften schwierig sein, aber ein solcher Parteitag wäre ohne Zweifel ein psychologischer Gewinn. Die Wahl könnte zu einem Teil den deprimierenden Eindruck verwischen, der durch die Führungslosigkeit der letzten Monate entstanden ist. Und ein gewählter Parteiführer kann – nach diesem Schock sogar in der FDP – auf einige Loyalität rechnen.

Die Wahl der Parteispitze ist vordringlicher als die Diskussion des Grundsatzprogramms. Schließlich hat die Partei in Hannover schon ein Aktionsprogramm beschlossen, mit dem sich arbeiten läßt. Nach außen, für das Bild in der Öffentlichkeit, ist die Diskussion des Grundsatzprogramms nur von minimalem Interesse. Geprägt wird das Bild der Partei vor allem durch die Arbeit der Bundestagsfraktion. Schon ein Parteiführer, der diese Arbeit nicht stört, wäre ein Gewinn.