Von Hans Gresmann

Frankfurt, im September

Die Vorgeschichte. In Frankfurt tagte der Bundeskongreß des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes. Die Zeitungen schenkten der Sache wenig Aufmerksamkeit. Und auch das Fernsehen nahm von dem Ereignis zunächst keine Notiz – sei es, weil der aus Berlin zugereiste SDS-Ideologe Rudi Dutschke dem Publikum in der Rolle des glutäugigen Bürgerschrecks mittlerweile sattsam bekannt ist, sei es, weil auch die Zottelhaare, Muschelketten und Karnevalsgewandungen der Berliner „Kommunarden“ im SDS-Troß auf die Dauer so schrecklich spannend eben doch nicht sind.

Keine Aufmerksamkeit also für Dutschkes junge Rebellen. Was tun? Provokation hilft immer. Bei jeglichem Tumult ist Verlaß auf die Photoreporter und Fernsehkameras.

Die Szenerie: Das Frankfurter Amerikahaus hatte eingeladen zu einer Diskussion über die amerikanische Vietnampolitik. Unter der Leitung von Kurt Wessel sollten diskutieren Jens Feddersen von der „Neuen Ruhr-Zeitung“, Bernd Nielsen-Stokkeby vom Zweiten Deutschen Fernsehen, Karl-Hermann Flach von der „Frankfurter Rundschau“ und ich, der ich auf diese Weise Augenzeuge eines politischen Mini-Happenings wurde.

Der Sturm. Seine Gardisten um sich versammelt, etwa zweihundert an der Zahl, rückte Rudi Dutschke, der ideologische Wunderprediger mit dem Mönchsgesicht, zur Staufenstraße. Was er offenbar erhofft hatte, geschah. Dem SDS-Trupp wurde der Einlaß verweigert, und dies aus einem ganz simplen Grund: die Eintrittskarten waren lange vergriffen.

Was ein richtiger Sturmtrupp ist, für den sind gläserne Saaltüren und ein paar zivile Einlaßwächter kein Hindernis. Hinein also – und sogleich die Bühne besetzt.