Berlin

Auf dem Boden seiner Zelle habe er gelegen, nach Luft ringend habe man ihn morgens in der Früh dort vorgefunden, den türkischen Gastarbeiter Huesnue Akguen, einen Arzt habe man herbeigerufen, doch dieser habe nur noch den Tod des Untersuchungshäftlings feststellen können. Todesursache sei wohl ein Versagen des Herzens. Mit dieser Mutmaßung schloß die Berliner Justizpressestelle Ende Juli ihre Erklärung zum Tod des türkischen Untersuchungshäftlings, und der Leiter des Strafvollzugs, Regierungsdirektor Glaubrecht, fügte noch hinzu, daß Selbstmord mit 99prozentiger Sicherheit ausscheide. Glaubrecht hatte recht.

Akguen wollte nicht sterben. Soweit es ihm seine fragmentarischen Kenntnisse der deutschen Sprache erlaubten, hatte er mehrmals versucht, dem Gefängnisarzt seine Schmerzen zu erklären, bevor er ihnen am 11. Tag der Haft erlag. Todesursache, so konstatierte Professor Krauland nach der Obduktion, war ein Eiterherd im Mittelohr so groß wie ein Taubenei. Darauf waren die Gefängnisärzte nicht gekommen.

Als der Gastarbeiter unter dem Verdacht, sich zusammen mit drei Landsleuten an einer schwedischen Touristin vergangen zu haben, in das Untersuchungsgefängnis eingeliefert wurde, entdeckten die Ärzte bei der obligatorischen Aufnahmeuntersuchung nichts Ungewöhnliches. Vier Tage später mochte der Türke seine starken Schmerzen nicht mehr den Wärtern allein anvertrauen; er wurde einem Arzt vorgeführt und machte auf diesen einen depressiven und nervösen Eindruck. Mit ein paar Beruhigungstabletten schickte man ihn in seine Zelle zurück. Nach weiteren fünf Tagen bat der Türke erneut um ärztlichen Beistand, der ihm wiederum in Form von Beruhigungstabletten zuteil wurde. Tags drauf war der Häftling tot. Physische Leiden, so beruhigte Glaubrecht am Todestag die Berliner Presse, konnten die Ärzte bei ihren Untersuchungen nicht feststellen. Soweit die erste offizielle Version.

Die Möglichkeit, daß ein Dolmetscher vielleicht den ärztlichen Bemühungen ebenso förderlich gewesen wäre, wie den Vernehmungen des Türken, bei der Polizei – er hatte seine Tat zugegeben – weist der Regierungsdirektor entschieden zurück. „Er war der deutschen Sprache soweit mächtig.“ Agkuens Kollegen bestätigen das Gegenteil. Auf die Kunst seiner Ärzte aber läßt Glaubrecht nichts kommen, und er stellt sie dar in neuem Licht:

Auch nach dem Obduktionsbefund ist er des Lobes über seine Ärzte voll. Sehr wohl hätten sie physische Leiden festgestellt. Aber bei der zweiten Untersuchung habe man die Mittelohrentzündung entdeckt und sich für eine Generaluntersuchung am nächsten Tag entschlossen, nicht ohne zuvor das Leiden mit Ohrentropfen zu behandeln. Zu der Generaluntersuchung kam es indes nicht mehr; sie hätte wohl auch kaum zu einer präzisen Diagnose führen können, denn Ohrentropfen, so sagt in Berlin ein Arzt, der jährlich 150 bis 160 entsprechende Operationen durchführt, sind aufs vortrefflichste geeignet, das Krankheitsbild einer Mittelohrentzündung zu verschleiern und kommentiert das Verhalten der Gefängnisärzte als eine ganz „große Schweinerei“.

Wie wenig Antibiotika in diesem Fall geeignet waren, dem Kranken zu helfen, bestätigte auch Professor Krauland, der die Obduktion vornahm. Er ist erstaunt, daß kein Dolmetscher in die Moabiter Gefängnispraxis gerufen wurde und hält es im übrigen für durchaus möglich, daß dem Türken ein anderes Schicksal beschieden worden wäre, wenn er eben nicht als Untersuchungshäftling vor den Ärzten gestanden hätte. Krauland, durch dessen Obduktionsführung bei der Leiche des Studenten Benno Ohnesorgs ärztliche Eingriffe und von Polizeiknüppeln her rührende Mißhandlungen festgestellt wurden, wartet bisher vergeblich auf das Verlangen der Staatsanwaltschaft nach seinem endgültigen Obduktionsbefund im Falle des türkischen Gastarbeiters Huesnue Agkuen. Horst Rieck