Die Stadt neben dem „Affenfelsen“ am Ostausgang des Mittelmeers machte aus einer Volksabstimmung ein Volksfest. Der Union Jack prangte an Häuserwänden und Autoblech. „Wir sind britisch und wir bleiben britisch“, verkündeten blau-weiß-rote Plaketten, die sich viele Passanten angesteckt hatten.

Am vorigen Sonntag wurden die Gibralteser befragt, „ob sie sich unter spanische Hoheit begeben“, oder „ob sie mit Großbritannien verbunden bleiben wollen“. Das Ergebnis des Referendums rechtfertigte die Erwartungen: Von 12 762 Wahlberechtigten sprachen sich 12 138 für Großbritannien aus. Nur 44 votierten für Spanien. Der Rest enthielt sich der Stimme.

Dieses Ergebnis ist freilich völkerrechtlich unverbindlich. Es wird daher den seit 1954 schwelenden Streit zwischen Madrid und London um die Zukunft der britischen Kronkolonie nicht beenden. Damals verurteilten die Vereinten Nationen Großbritannien, Gibraltar zu „dekolonisieren“. Dazu der britische UN-Botschafter Lord Caradon: „Wir können niemals zustimmen, wenn ,Dekolonisierung‘ Einverleibung Gibraltars durch Spanien gegen den Willen der Bevölkerung bedeutet.“

Die nur sechs Quadratkilometer große britische Besitzung, die auch im Zeitalter der Interkontinentalraketen noch strategische Bedeutung besitzt, ist allein nicht existenzfähig: Sie lebt von der britischen Garnison und vom Fremdenverkehr. Und die 25 000 Gibralteser wissen, was sie an ihrem „Kolonialherren“ haben: Die steuerlichen und zollgesetzlichen Privilegien ermöglichen der Kronkolonie den weitaus höchsten Lebensstandard innerhalb des britischen Commonwealth.

Madrid aber bestand bislang hartnäckig auf Erfüllung der UN-Resolution. Im Mai 1966 hatte das Franco-Regime ein Verhandlungsangebot gemacht: Großbritannien sollte vom Vertrag von Utrecht zurücktreten, der Gibialtar 1713 „für immer“ der britischen Krone zugesprochen hatte, und das Gebiet Spanien überlassen. Als Gegenleistung wollte Madrid einen britischen Militärstützpunkt akzeptieren.

Als London nicht anbiß, antwortete Madrid mit einer Politik der Nadelstiche. Nachdem britischen Militärflugzeugen das Überfliegen spanischen Gebiets untersagt worden war, sperrte Franco am 25. Oktober 1966 die Landgrenze Gibraltars für den Waren- und Fahrzeugverkehr. Am 12. April 1967 mußten die Briten auch eine Beschränkung des zivilen Luftverkehrs hinnehmen.

London brach daraufhin die Verhandlungen ab und versuchte Madrid durch eine Volksabstimmung psychologisch unter Druck zu setzen. Das Referendum schien zunächst auch mit der letzten Gibraltar-Resolution der Vereinten Nationen vom Dezember 1966 zu harmonieren, durch die Spanien und Großbritannien aufgefordert wurden, „die Interessen der Bevölkerung in Rechnung zu stellen“.

Doch vollzog der Kolonialismus-Ausschuß der UN neun Tage vor der Volksabstimmung eine Kehrtwendung: Er verdammte das Referendum und forderte Madrid und London auf, „die Verhandlungen wieder aufzunehmen“.