Ermutigt durch die anhaltend feste Tendenz auf dem Aktienmarkt sowie durch die wohl berechtigte Aussicht auf weitere Kurssteigerungen, sind die meisten Kreditinstitute aus der „vornehmen“ Zurückhaltung in der Wertpapierberatung herausgetreten. Sie geben jetzt handfeste Anlageratschläge.

Natürlich wird nicht jedem Kunden, das gleiche Papier zum Kauf empfohlen. Sparer, die auf Sicherheit bedacht sein müssen, können sich nicht auf mehr oder weniger gewagte Spekulationen einlassen. Es ist, meine verehrten Leser, deshalb kein Ausdruck von Phantasielosigkeit, wenn viele Kreditinstitute einem bestimmten Teil ihrer Kundschaft zum Erwerb der großen Standardaktien des deutschen Marktes raten, obwohl sie sicherlich nicht zu den „Raketen“ der künftigen Kursentwicklung zählen werden.

Das Düsseldorfer Bankhaus C. G. Trinkaus lenkt die Aufmerksamkeit auf die Aktien der Farbenfabriken Bayer. In diesem Jahr ist ihr Kurs von 113 Mark je Stück (50 Mark) auf etwa 156 Mark gestiegen. Es wird geschätzt, daß sich der Gewinn 1967 je Aktie von 11,50 auf 12 Mark erhöhen wird. Davon dürften wieder 6,50 Mark an die Aktionäre ausgeschüttet werden. Bayer wird demnach zu den wenigen deutschen Gesellschaften gehören, deren Gewinn auch im Jahre 1967 steigt. „Für das kommende Jahr“, so schreibt Trinkaus, „kann mit einem deutlichen Gewinnanstieg gerechnet werden.“

Das Bankhaus J.D. Herstatt in Köln wirbt für die Veba-Aktie, deren Kurs gegenwärtig zwischen 224 und 230 Prozent pendelt. Der Tiefstkurs lag in diesem Jahr bei 169 Prozent. 1966 betrug der Gewinn je Aktie 21,50 Mark, davon wurden 11 Mark ausgeschüttet. Trotz gewisser Ertragsschmälerungen in einzelnen Bereichen kann es als sicher gelten, daß für 1967 die Dividende gehalten werden kann.

„Wir sehen in der Veba-Aktie eine Kapitalanlage, die nach Verwirklichung der Investitionspläne und Durchführung einer Reihe konzerninterner Organisationsmaßnahmen in den nächsten Jahren ihr beträchtliches Wachstumspotential ab 1970 voll entfalten kann.“ Tatsächlich scheint die derzeitige Börsenbewertung mit dem Elffachen des geschätzten Konzerngewinns noch ausreichend Spielraum für eine Höherbewertung zu bieten. Das Risiko wird durch die relativ hohe Dividendenrendite von fast fünf Prozent in Grenzen gehalten. Hinderlich für den weiteren Anstieg scheint der immer noch hohe Bestand an Veba-Aktien zu sein, der aus der Stützungsaktion von Bund und Banken zurückgeblieben ist. Er macht auch die Frage einer an sich notwendigen Kapitalerhöhung zu einer problematischen Angelegenheit.

Den „sicheren“ Papieren möchte ich noch eines hinzufügen, die Aktie der Industriekreditbank. Sie ist alles andere als aufregend und wird von den Börsianern meist nicht für voll genommen. „Sie ist weder eine richtige Bank- noch eine vernünftige Industrie-Aktie.“ Das Institut hat eine ähnliche Aufgabe wie eine Hypothekenbank, nur finanziert sie keine Bauten, sondern vornehmlich Unternehmen, die keinen Zutritt zum Kapitalmarkt haben. Zu diesem Zweck muß sie sich Kapital beschaffen, teilweise durch eigene Anleihen. Die Bank lebt also von der Spanne zwischen dem Zins für das geliehene und dem für das ausgeliehene Geld. Wertvolle Effektenportefeuilles nennt sie nicht ihr eigen. Sie besitzt also so gut wie keine Substanzwerte. Dafür verfügt sie aber auf Jahre hinaus über eine gesicherte Ertragskraft. Seit 1959/60 werden auf die an der Börse zugelassenen Aktien jährlich zehn Prozent verteilt. Dieser Satz soll auch für 1966/67 wieder gezahlt werden. Das geschieht im Oktober. In dem Kurs von 189 Prozent ist also noch eine Dividende von zehn Prozent enthalten. Die Rendite beträgt 5,5 Prozent, das ist mehr, als bei den meisten anderen deutschen Aktien zu erzielen ist. Ich nehme an, daß sich der Kurs der IKB-Aktien bis Jahresschluß weiter nach oben entwickelt. Die Gefahr eines Rückschlags erscheint mir als ziemlich gering.

Genau vor einem Jahr, meine verehrten Leser, sprachen wir an dieser Stelle über die Chancen der Elektroversorgungswerte. Ich sagte Ihnen damals, daß diese Papiere auch Aktien für Witwen und Waisen genannt werden – wegen des geringen wirtschaftlichen Risikos dieser Branche. Entgegen allen Börsenerfahrungen waren es nun gerade die Versorgungsaktien, die im letzten Jahr zu den besten Papieren des Marktes zählten.