Endlich darf eine Korrespondenz bekannt werden, die bisher im Safe lag und von der man nur gerüchtweise wußte: die über 500 Briefe und Karten, die Franz Kafka zwischen 1912 und 1917 an das Fräulein Felice Bauer in Berlin schrieb. Er war 29, als er sie bei seinem Freund Max Brod kennenlernte, sie drei Jahre jünger. Zweimal ließ er es bis zur Verlobung kommen, von der zweiten befreite ihn, und diesmal endgültig, die Tuberkulose. Felice heiratete 1919 einen Geschäftsmann, gebar zwei Kinder und starb 1960 in New York. Kafka warb um sie: durch Genauigkeit – indem er nämlich nicht müde wurde, anfangs Tag für Tag, Nacht für Nacht zu analysieren, warum er vor sich, vor einer Ehe mit ihm warnen zu müssen glaubte, Beweise für die Unmöglichkeit häufend, sich klein und unwürdig machend und dabei groß schon durch den bohrenden Scharfsinn seiner Argumente. Für jeden, der sich einmal auf Kafkas Erfahrungswelt eingelassen hat – das heißt also: für die meisten Alphabeten dieses Kulturkreises – müssen diese Briefe unschätzbar sein. Unsere Auswahl entstammt dem Beginn der Beziehung; die ganze Korrespondenz erscheint demnächst im S. Fischer Verlag, Frankfurt.

18. V. 13

Meine liebste Felice, hat es einen Sinn (ich rede von mir aus), die Qual der Unklarheit weiter zu tragen, nur deshalb, weil in ihr ein kleiner, unsinniger, im ersten Augenblick schon verschwindender Trost irgendwo enthalten ist? Ich warte nicht bis zur Zurückkunft Deines Vaters, ich schreibe den Brief vielleicht schon heute abend, schicke Dir ihn morgen zur Durchsicht und schicke ihn dann Deinem Vater nach Berlin oder wo immer er gerade ist. Es wird ja kein Brief sein, dessen Beantwortung von Launen abhängig sein wird, dessen Beantwortung etwa anders ausfallen könnte, ob sie hier oder dort geschrieben ist. Es hat keinen Sinn, zu warten.

Es hat vielleicht doch einen Sinn, aber ich will ihn nicht wissen. Liebste, „blind vertrauen“ soll ich Dir und kann ich Dir, gewiß. Aber weißt Du, ob Du Dir vertrauen kannst? Ob Du Dir vertrauen kannst, in allem, was Dich erwartet? Und wenigstens von Ahnungen dessen bist Du nicht frei. Du weißt nicht, was Dich mir gegenüber bindet. Du bist dann nicht „ein dummes Kind“ (ich wüßte niemanden, dem ich unterlegener wäre als Dir in Deiner Nähe), die Natur selbst hält Dich. Aber Du willst mir darüber noch schreiben (dieses Versprechen halte ich fest!), und im Grunde bin ich imstande, mich von Deinem leichtesten Kopfschütteln überzeugen zu lassen.

Es gibt einen ungeheueren Einwand gegen manche Vorstellungen von zukünftigem Glück, es sind das nämlich die Möglichkeiten, die unausdenkbar sind. So wie man das Dasein Gottes aus dem Gottesbegriff, den man besitzt, beweisen zu dürfen glaubt, so kann man es auch aus dem Mangel des Begriffs widerlegen. Hätte ich Dich doch, (die Vergangenheit ist ebenso sicher wie verloren) vor 8 oder 10 Jahren gekannt, wie glücklich könnten wir heute sein ohne diese jammervollen Winkelzüge, Seufzer und trostloses Schweigen. Statt dessen, kam ich mit Mädchen zusammen – das ist schon alles jahrelang her –, in die ich mich leicht verliebte, mit denen ich lustig war und die ich noch leichter verließ oder von denen ich ohne die geringsten Schmerzen mich verlassen sah. (Nur die Mehrzahl nimmt sich so zahlreich aus, weil ich sie nicht mit Namen nenne und weil alles so längst vergangen ist.) Geliebt, daß es mich im Innersten geschüttelt hat, habe ich vielleicht nur eine Frau, das ist jetzt sieben oder acht Jahre her. Von da an, ohne daß dazwischen Beziehungen beständen, war ich fast vollständig von allem losgelöst, immer mehr und mehr auf mich beschränkt, mein elender körperlicher Zustand, der meiner – wie soll ich sagen? – Auflösung voranging oder folgte, half mit, mich weiter versinken zu lassen, und jetzt, wo ich fast am Ende war, traf ich Dich.

Franz

21. (und 23.) VI. 13